Mit fünfzehn sass ich nachts mit Kopfhörern im Bett und hörte mir eine geführte Astralreise an, die ich irgendwo heruntergeladen hatte. Eine ruhige Stimme zählte rückwärts und versprach mir, gleich aus dem Körper zu treten. Am nächsten Tag erzählte ich einem Schulkollegen davon, der streng muslimisch aufgewachsen war. Seine Reaktion blieb mir hängen. Er sagte ganz ruhig, das solle ich besser lassen, denn so etwas öffne Türen für die Dschinn. Ich habe damals gelacht, aber die Frage liess mich nicht los. Warum reagieren so viele Glaubensrichtungen auf dieses harmlose Herumdriften im Halbschlaf so heftig? Genau dieser Frage gehe ich hier nach. Das Thema astralreisen islam taucht online ständig auf, und es ist nur ein Teil eines viel grösseren Musters.
Ich komme selbst aus der esoterischen Ecke. Als Teenager war ich tief drin in Schamanismus, Krafttieren und Astralprojektion. Heute stehe ich mit beiden Beinen auf dem Boden und vermute, dass die Astralreise und der luzide Traum derselbe Hirnzustand sind, bloss anders gedeutet. Das ist mein Ausgangspunkt. In diesem Artikel werte ich aber keine Glaubensfrage. Ich ordne nur ein, was die verschiedenen Traditionen über die Astralreise sagen, und wo die wiederkehrende Grundidee liegt. Wer mehr über das Erlebnis selbst wissen will, findet das bei mir unter Was ist eine Astralreise.
Astralreisen und Islam: zwischen Skepsis und Ablehnung
Beginnen wir beim Islam, weil hier die Frage am häufigsten gestellt wird. Vorweg eine wichtige Sache. Es gibt nicht die eine islamische Position zur Astralreise. Der Islam ist riesig und vielstimmig, und je nachdem, wen du fragst, bekommst du eine andere Antwort. Trotzdem lässt sich ein roter Faden erkennen, und der reicht von vorsichtiger Skepsis bis zu klarer Ablehnung.
Im Koran und in der islamischen Lehre spielt die Seele, die Nafs und die Ruh, eine zentrale Rolle. Es gibt sogar eine Stelle, die manche Gelehrte mit dem Schlaf in Verbindung bringen. Dort heisst es sinngemäss, dass Gott die Seelen beim Sterben zu sich nimmt und auch beim Schlafen, dann aber die einen zurückschickt und die anderen behält. Aus dieser Idee leiten einige ab, dass die Seele im Schlaf tatsächlich eine Art Reise antritt. So weit könnte man meinen, das passe ganz gut zur Astralreise.
Der Knackpunkt kommt aber bei der Frage, wer diese Reise steuert. In der gängigen islamischen Sicht liegt das allein bei Gott. Der Mensch hat darüber keine Kontrolle. Genau hier wird die bewusst herbeigeführte Astralprojektion für viele Gläubige zum Problem. Wenn du dich hinlegst und mit einer Technik gezielt versuchst, deine Seele aus dem Körper zu schicken, dann masst du dir etwas an, das in dieser Sicht nur Gott zusteht. Das gilt vielen als Überschreitung.
Dazu kommt ein zweiter Punkt, der bei meinem Schulkollegen anklang. Im Islam sind die Dschinn ein fester Teil des Weltbilds. Das sind unsichtbare Wesen, die parallel zu den Menschen leben und sowohl gut als auch böse sein können. Manche muslimischen Stimmen warnen davor, dass man sich mit Astralreisen oder ähnlichen Praktiken unbewusst für solche Wesen öffnet. Was der Reisende als Begegnung in einer anderen Ebene erlebt, deuten sie als Kontakt mit einem Dschinn, der einen täuschen will.
Es gibt darum eine verbreitete Haltung, die solche Praktiken unter Sihr einordnet, also unter Magie oder Zauberei, und die ist im Islam klar verboten. Astralprojektion landet dann im selben Topf wie Wahrsagerei, Geisterbeschwörung oder das Anrufen von Mächten ausserhalb Gottes. Wer dieser strengen Linie folgt, sieht die Astralreise als unerlaubt an. Andere Muslime sind entspannter und sehen darin eher eine harmlose Spielerei oder eine westliche Modeerscheinung, der man besser nicht zu viel Bedeutung beimisst.
Du siehst, das Bild ist uneinheitlich. Von ich lasse das lieber sein über das ist klar verboten bis zu das ist doch alles nur Einbildung findest du jede Schattierung. Ich werte das hier ausdrücklich nicht. Ich halte nur fest, dass die Skepsis im Islam meist aus zwei Wurzeln kommt. Die eine ist die Kontrollfrage rund um die Seele, die andere ist die Sorge vor täuschenden Wesen.
Christentum: traditionell ablehnend, Nähe zum Okkulten
Im Christentum sieht das Bild anders aus, läuft am Ende aber auf eine ähnliche Skepsis hinaus. Auch hier gibt es keine einheitliche Stimme, weil das Christentum in unzählige Konfessionen zerfällt. Trotzdem ist die traditionelle Haltung zur Astralreise mehrheitlich ablehnend.
Der Grund liegt weniger in einem klaren Bibelvers, der die Astralprojektion direkt verbietet. So einen Vers gibt es schlicht nicht, denn das Konzept in seiner heutigen Form ist viel jünger als die Bibel. Die Ablehnung kommt eher aus der grossen Skepsis gegenüber allem, was nach Okkultismus riecht. Die Bibel warnt an mehreren Stellen deutlich vor Wahrsagerei, vor dem Befragen von Toten und vor dem Umgang mit Geistern. Viele Christen ordnen die Astralreise genau in diese Kategorie ein.
Aus dieser Sicht ist das Herumreisen ausserhalb des Körpers entweder reine Einbildung oder, schlimmer noch, ein Einfallstor für dämonische Einflüsse. Gerade in evangelikalen und charismatischen Kreisen ist diese Warnung verbreitet. Dort wird die Astralprojektion oft direkt mit der New-Age-Bewegung verknüpft und als geistlich gefährlich beschrieben. Die Argumentation ähnelt der strengen islamischen Linie erstaunlich stark. Wer sich bewusst aus dem Körper begibt, verlässt den von Gott vorgesehenen Rahmen und macht sich verletzlich für böse Mächte.
Spannend ist, dass die Bibel selbst durchaus Erfahrungen kennt, die sich wie eine Astralreise lesen lassen. Der Apostel Paulus schreibt von einem Menschen, der bis in den dritten Himmel entrückt wurde, und fügt ausdrücklich hinzu, er wisse nicht, ob das im Körper oder ausserhalb des Körpers geschah. Auch die Visionen der Propheten oder die Offenbarung des Johannes lesen sich für moderne Augen wie ausserkörperliche Reisen. Der entscheidende Unterschied ist wieder die Urheberschaft. In der christlichen Deutung sind das von Gott geschenkte Visionen, kein Kunststück, das der Mensch selbst auslöst. Genau diese Unterscheidung zwischen einem Geschenk von oben und einer selbst gemachten Technik zieht sich durch fast alle Religionen.
Es gibt auch hier liberalere Stimmen. Manche christlich geprägten Menschen sehen in der Astralreise nichts Verbotenes. Sie deuten sie als eine Form der Meditation oder als eine besondere Erfahrung des Bewusstseins. Doch die offizielle Linie der grossen Kirchen bleibt zurückhaltend bis ablehnend. Die katholische Kirche etwa ordnet solche Praktiken meist dem Bereich zu, vor dem sie generell warnt, also dem Okkulten und der modernen Esoterik.
Hinduismus und Buddhismus: der feinstoffliche Körper
Jetzt wird es richtig interessant, denn die östlichen Traditionen gehen ganz anders an die Sache heran. Hier ist die Astralreise oft kein Tabu. Sie gilt als altbekannter Teil eines viel grösseren Systems. Das hat mich schon als Jugendlicher fasziniert, weil es so gut zu meiner eigenen Vermutung passt, dass hinter all dem derselbe Mechanismus steckt.
Im Hinduismus gibt es die Vorstellung mehrerer Körper, die ineinander verschachtelt sind. Neben dem groben physischen Körper kennt diese Lehre feinere Hüllen. Eine davon ist der sogenannte feinstoffliche Körper, im Sanskrit oft Sukshma Sharira genannt. Dieser feinstoffliche Körper soll den physischen Körper verlassen können, etwa im Schlaf, in tiefer Meditation oder im Tod. Was die westliche Esoterik Astralkörper nennt, hat hier also einen sehr alten Vorläufer. Die Idee, dass etwas in dir den Körper verlassen und herumreisen kann, ist im hinduistischen Denken seit Jahrtausenden verankert.
Im Yoga und in bestimmten tantrischen Schulen wird das noch ausgebaut. Dort gibt es Beschreibungen von Praktiken, mit denen geübte Meditierende ihren Geist gezielt aus dem Körper lösen. Manche Texte sprechen von übernatürlichen Fähigkeiten, den Siddhis, zu denen auch eine Art Reise des Bewusstseins gehört. Diese Fähigkeiten gelten allerdings oft als Nebenwirkung, nicht als Ziel. Der eigentliche Weg führt zur Befreiung, und die ausserkörperliche Reise ist eher eine Station am Rand.
Im Buddhismus findest du verwandte Ideen, allerdings mit einem feinen Unterschied im Grundgedanken. Der Buddhismus kennt keine feste, unveränderliche Seele. Trotzdem gibt es in manchen Strömungen, besonders im tibetischen Buddhismus, sehr detaillierte Lehren über Bewusstseinszustände jenseits des Wachens. Das berühmteste Beispiel ist das Traum-Yoga. Dort lernen die Praktizierenden, im Traum bewusst zu werden und ihn zu steuern. Das ist ziemlich genau das, was wir im Westen luzides Träumen nennen. Im tibetischen Buddhismus dient das Traum-Yoga aber einem höheren Zweck. Es bereitet den Geist auf den Tod und die Zwischenzustände danach vor, die sogenannten Bardos.
Das finde ich aus meiner Warte besonders aufschlussreich. Im tibetischen Buddhismus liegen das bewusste Träumen und die Vorstellung einer Reise des Bewusstseins ganz nah beieinander, sind aber sauber unterschieden. Genau diese Nähe zwischen Klartraum und Astralreise beschäftigt mich seit Jahren. Ich gehe ihr ausführlich in meinem Artikel über Astralreise und luzides Träumen nach.
Moderne Esoterik: die positive Deutung
Kommen wir zu der Ecke, aus der ich selbst stamme. Die moderne westliche Esoterik ist die einzige der hier besprochenen Strömungen, die der Astralreise rundum positiv gegenübersteht. Hier ist sie kein Tabu und keine Gefahr. Sie gilt als erstrebenswertes Ziel und als Werkzeug zur persönlichen Entwicklung.
Diese Sicht ist gar nicht so alt, wie viele glauben. Geprägt wurde sie vor allem ab dem späten neunzehnten Jahrhundert. Die Theosophie um Helena Blavatsky hat viele östliche Ideen in den Westen geholt und mit eigenen Begriffen verbunden. Der Begriff Astralkörper, wie wir ihn heute kennen, stammt grösstenteils aus dieser Zeit. Später kamen einzelne Autoren dazu, die ihre eigenen ausserkörperlichen Erfahrungen beschrieben und Techniken weitergaben. Aus diesem Mix ist das geworden, was du heute in unzähligen Foren, Videos und Büchern findest.
In der esoterischen Deutung verlässt dein Astralkörper bei der Reise den physischen Körper und bewegt sich frei durch die Welt oder durch andere Ebenen der Wirklichkeit. Das gilt als natürliche Fähigkeit jedes Menschen, die man bloss wieder erlernen muss. Statt vor Dämonen oder vor Anmassung gegenüber Gott zu warnen, verspricht die Esoterik Erkenntnis, Heilung und die Begegnung mit höheren Wesen oder verstorbenen Angehörigen. Wo die Religionen eine rote Linie ziehen, sieht die Esoterik eine offene Tür. Wie gefährlich das Erlebnis wirklich ist, beleuchte ich getrennt davon unter Sind Astralreisen gefährlich.
Genau das war für mich als Teenager der Reiz. Die geführte Astralreise, die ich damals hörte, kam aus genau dieser Tradition. Sie sprach von Schutz, von Licht und von einem Silberfaden, der dich angeblich immer sicher zum Körper zurückführt. Kein Wort von Gefahr, nur von Möglichkeiten. Heute sehe ich diese Versprechen nüchterner, doch ich mache die Esoterik deswegen nicht lächerlich. Sie nimmt das Erlebnis ernst, und das Erlebnis selbst ist real. Nur bei der Deutung gehen wir auseinander.
Die wiederkehrende Grundidee
Wenn ich all diese Sichtweisen nebeneinanderlege, fällt mir eine Sache sofort auf. Quer durch Islam, Christentum, Hinduismus, Buddhismus und Esoterik taucht immer wieder dieselbe Grundidee auf. Im Menschen steckt etwas, das den Körper verlassen und sich davon getrennt bewegen kann. Mal heisst es Seele, mal Ruh, mal feinstofflicher Körper, mal Astralkörper. Die Namen wechseln, das Bild dahinter bleibt erstaunlich stabil.
Das ist für mich der eigentliche Kern dieses ganzen Artikels. Menschen auf der ganzen Welt und über Jahrtausende hinweg beschreiben dasselbe Erlebnis. Sie liegen still, ihr Körper wird schwer, ein Gefühl von Loslösung setzt ein, und plötzlich scheinen sie sich ausserhalb des Körpers zu bewegen. Die Kulturen, die das beschreiben, hatten oft keinen Kontakt miteinander. Trotzdem ähneln sich ihre Berichte verblüffend. Für mich ist das ein starker Hinweis darauf, dass hier ein gemeinsamer menschlicher Zustand zugrunde liegt.
Wo sie sich unterscheiden, ist die Deutung, und die hängt vom jeweiligen Weltbild ab. Eine Kultur mit strengem Gottesbild deutet die selbst ausgelöste Reise als Anmassung oder als Gefahr. Eine Kultur mit der Vorstellung mehrerer Körper deutet sie als natürlichen Vorgang. Eine Bewegung, die nach persönlicher Entfaltung sucht, deutet sie als Geschenk und als Werkzeug. Das Erlebnis bleibt dabei dasselbe, nur der Rahmen verschiebt sich. Genau dieses Muster zieht sich durch fast alle Mythen, die ich auf dieser Seite unter die Lupe nehme.
Was mir bei der Bewertung wichtig ist
Ich will an dieser Stelle ganz klar sein, was ich hier tue und was nicht. Ich werte keine der religiösen Positionen. Ob die Dschinn real sind, ob es Dämonen gibt, ob eine Seele tatsächlich zu Gott reist, das sind Glaubensfragen, und die liegen ausserhalb dessen, was ich beurteilen kann oder will. Wer aus seinem Glauben heraus die Astralreise meidet, hat dafür gute Gründe innerhalb seines Weltbilds, und das respektiere ich vollständig.
Was ich beitragen kann, ist meine eigene Erfahrung mit dem Übergang selbst. Ich habe diesen Zustand oft erlebt. Die Schwere im Körper, das Brausen im Ohr, das Gefühl, mich aus dem Körper zu schälen. Für mich ist das ein luzider Traum, den ich bewusst über den Halbschlaf gestartet habe. Mein Verstand findet keine Notwendigkeit für eine Seele, die das Bett verlässt. Aber ich habe genug Seltsames erlebt, um demütig zu bleiben. Ich behaupte nicht, dass alle Religionen sich irren. Ich sage nur, wo ich nach fünfzehn Jahren Praxis stehe.
Eine praktische Sache nehme ich ernst, ganz unabhängig von der Deutung. Egal ob du das Erlebnis Astralreise oder Klartraum nennst, dein Glaube formt im Übergang stark, was du erlebst. Wer fest davon ausgeht, dass ihm böse Wesen auflauern, wird im Halbschlaf eher etwas Bedrohliches sehen, weil das ängstliche Gehirn diese Lücken mit genau solchen Bildern füllt. Das kenne ich aus der Schlafparalyse sehr gut. Darum finde ich die nüchterne Sicht hilfreich. Sie nimmt der Sache den Schrecken, ohne ihr die Faszination zu rauben.
Mein Fazit zu Astralreisen und Religion
Wenn ich an meinen Schulkollegen von damals zurückdenke, verstehe ich ihn heute viel besser. Aus seinem Weltbild heraus war seine Warnung vor den Dschinn völlig folgerichtig. Ich habe damals gelacht, weil ich aus einem anderen Rahmen kam, in dem dasselbe Erlebnis als spannendes Abenteuer galt. Wir haben über dieselbe Sache gesprochen und meinten doch etwas ganz Verschiedenes. Genau das ist die Lektion dieses Themas.
Die Religionen sind sich uneiniger, als man denkt, und doch eint sie ein Faden. Der Islam reicht von Skepsis bis zur klaren Ablehnung, vor allem wegen der Frage nach Kontrolle und wegen der Dschinn. Das Christentum bleibt traditionell ablehnend und stellt die Astralreise in die Nähe des Okkulten. Hinduismus und Buddhismus kennen den feinstofflichen Körper und das bewusste Träumen seit Langem, betten beides aber in einen grösseren Weg ein. Die moderne Esoterik feiert die Reise als Werkzeug der Entwicklung. Und unter all dem liegt immer dieselbe Grundidee von etwas, das den Körper verlassen kann.
Mich selbst lässt das mit einer ruhigen Haltung zurück. Ich muss mich nicht entscheiden, wer recht hat, um das Erlebnis ernst zu nehmen. Der Übergang ist so oder so eines der eindrücklichsten Dinge, die ein Mensch erleben kann, ganz egal, welches Etikett seine Kultur darauf klebt. Wenn dich diese Grauzonen zwischen Glaube, Esoterik und Erfahrung reizen, schau dich gern in meinen weiteren Mythen um. Dort nehme ich mir genau solche Fragen vor, immer mit beiden Beinen auf dem Boden und mit offenem Kopf.
