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Können Kinder luzide träumen?

Mythen11 Min. Lesezeit

Können Kinder luzide träumen?

Luzides Träumen Kinder: häufiger als gedacht, oft sogar natürlicher als bei mir. Ab welchem Alter es losgeht und worauf du als Elternteil achten darfst.

Meine Nichte war sieben, als sie mir beim Frühstück ganz beiläufig erzählte, sie sei letzte Nacht über das Dorf geflogen, und zwar weil sie gemerkt habe, dass sie träume. Sie sagte es so nebenbei, wie andere Kinder von einem Pausenbrot erzählen. Ich liess fast meinen Kaffee fallen. Da sass dieses kleine Mädchen und beschrieb in zwei Sätzen etwas, wofür ich als Teenager Bücher gewälzt und Foren durchforstet hatte. Ich fragte vorsichtig nach, ob das oft passiere. Sie zuckte mit den Schultern und meinte, schon manchmal, und wann es denn endlich Schokolade gebe. Für sie war das nichts Besonderes. Für mich war es ein kleiner Augenöffner.

Genau um diese Beobachtung geht es in diesem Artikel. Können Kinder luzide träumen, und wenn ja, wie kommt es, dass sie es scheinbar leichter haben als wir Erwachsenen? Ich gehe der Frage in Ruhe nach, räume mit ein paar Sorgen auf und sage auch ein Wort an die Eltern, die hier vielleicht gerade etwas beunruhigt mitlesen.

Luzides Träumen bei Kindern: die kurze Antwort

Fangen wir mit dem Wichtigsten an. Ja, Kinder können luzide träumen, und sie tun es offenbar sogar recht häufig. Wenn ich mir die Berichte anschaue, die Eltern und Forschende über die Jahre gesammelt haben, dann zeichnet sich ein ziemlich klares Bild ab. Spontane Klarträume kommen bei Kindern öfter vor als bei Erwachsenen. Das überrascht viele Menschen, weil man das luzide Träumen oft für eine schwierige, mühsam erlernte Fähigkeit hält. Wie viel davon angeborenes Talent ist und wie viel reine Übung, habe ich in einem eigenen Text zur Frage, ob luzides Träumen ein Talent ist, genauer beleuchtet.

Bei mir war es ja auch so. Ich habe Jahre gebraucht, bis es richtig lief, und ich habe es mir hart erarbeitet. Umso erstaunlicher finde ich, dass kleine Kinder das manchmal einfach so können, ohne ein einziges Buch gelesen zu haben. Sie wissen oft nicht einmal, dass es dafür ein Wort gibt. Sie erleben es schlicht, und für sie gehört es zur normalen Bandbreite des Träumens dazu.

Das Spannende daran ist die Richtung. Bei den meisten Fähigkeiten gehen wir davon aus, dass sie mit dem Alter wachsen. Beim luziden Träumen scheint es eher umgekehrt zu sein. Die natürliche Begabung dafür nimmt mit den Jahren tendenziell ab, statt zuzulegen. Das ist eine ungewöhnliche Sache, und ich finde sie faszinierend genug, um sie genauer anzuschauen.

Warum Kinder es offenbar leichter haben

Ich bin kein Hirnforscher, das sage ich gleich vorweg. Was ich anbieten kann, sind ein paar Erklärungen, die für mich Sinn ergeben und die sich mit dem decken, was ich über das Träumen weiss. Nimm das als nachdenkliche Vermutung, nicht als bewiesene Wahrheit.

Das kindliche Gehirn ist beweglicher

Ein Kindergehirn ist noch im vollen Umbau. Es bildet ständig neue Verbindungen, verwirft alte und probiert herum. Diese Beweglichkeit, die Fachleute manchmal Plastizität nennen, könnte ein Teil der Antwort sein. Vielleicht fällt es einem so wandelbaren Gehirn leichter, zwischen den Zuständen zu wechseln und mitten im Traum zu bemerken, dass gerade etwas Besonderes läuft.

Bei uns Erwachsenen ist vieles fester verdrahtet. Wir haben über Jahre eingeübt, wie die Welt zu funktionieren hat, und unser Kopf hält ziemlich stur daran fest. Genau diese Festigkeit, die im Alltag praktisch ist, könnte uns im Traum im Weg stehen. Wir hinterfragen seltener, ob das hier gerade echt ist, weil unser Gehirn die Echtheit der Welt längst als gegeben abgespeichert hat.

Die Traumwelt der Kinder ist lebhafter

Kinder träumen anders, das merkt man schon, wenn man ihnen morgens zuhört. Ihre Träume wirken oft bunter, wilder und unmittelbarer. Eine intensive, lebhafte Traumwelt bietet mehr Gelegenheiten, stutzig zu werden. Je auffälliger und seltsamer ein Traum ist, desto eher fällt im Traum auf, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Und dieses Stutzen ist genau der Funke, aus dem Luzidität entsteht.

Ich erlebe das selbst bei meinen Albträumen. Sobald ein Traum richtig heftig wird, werde ich fast automatisch luzide, weil mein Kopf einfach nicht mehr mitspielt und merkt, dass das nicht real sein kann. Bei Kindern mit ihren ohnehin lebendigen Träumen könnte ein ähnlicher Mechanismus viel häufiger zünden.

Weniger verfestigte Annahmen über die Wirklichkeit

Das ist für mich der spannendste Punkt. Erwachsene tragen einen dicken Stapel an Überzeugungen darüber mit sich herum, was möglich ist und was nicht. Wir wissen, dass Menschen nicht fliegen, dass Türen nicht in andere Welten führen und dass die Toten nicht am Esstisch sitzen. Diese Annahmen sind tief verankert und schwer zu erschüttern.

Kinder haben diese starren Grenzen noch nicht. Für sie ist die Welt ohnehin voller Wunder und unerklärlicher Dinge. Ein sprechender Hund ist im Alltag schon halb plausibel, also fällt er im Traum kaum als Warnsignal auf. Das könnte man für einen Nachteil halten, doch hier liegt vielleicht gerade die Stärke. Weil ihre Vorstellung davon, was echt sein kann, noch so weit und offen ist, bewegen sie sich im Traum freier und mit weniger innerem Widerstand. Wenn ihnen dann doch auffällt, dass etwas seltsam ist, springen sie ohne Zögern in die Lucidität, ganz ohne den Ballast an Zweifeln, den wir Erwachsenen mitschleppen.

Ab welchem Alter geht es los?

Eine harte Altersgrenze gibt es nicht, und jeder, der dir eine exakte Zahl nennt, schätzt im Grunde auch nur. Was sich aus den Berichten herauslesen lässt, ist eher ein grober Korridor. Damit ein Kind überhaupt von einem Klartraum erzählen kann, braucht es zwei Dinge. Es muss sich an Träume erinnern können, und es muss verstehen, was ein Traum überhaupt ist, also dass er sich von der wachen Wirklichkeit unterscheidet.

Dieses Verständnis entwickelt sich meist im Vorschulalter. Viele Kinder begreifen so mit vier oder fünf Jahren langsam, dass Träume etwas Eigenes sind und nicht draussen in der Welt passieren. Vorher erzählen sie ihre Träume oft, als wären sie wirklich geschehen. Erst wenn dieser Unterschied im Kopf sitzt, kann ein Kind auch mitten im Traum bemerken, dass es träumt.

Die Berichte über spontane Klarträume häufen sich dann eher im Grundschulalter, grob zwischen sechs und zwölf. Das passt zu meiner Nichte, die mit sieben über das Dorf geflogen ist. In dieser Phase ist das Verständnis für Träume schon da, die Traumwelt ist noch herrlich lebhaft, und die starren Erwachsenenannahmen haben sich noch nicht festgesetzt. Das ist sozusagen das günstige Fenster.

Ich würde diese Zahlen aber locker nehmen. Kinder entwickeln sich in ihrem eigenen Tempo, und manche berichten früher von solchen Erlebnissen, andere viel später oder gar nicht. Das eine ist so normal wie das andere. Es ist keine Stufe, die jedes Kind erklimmen muss, und schon gar kein Wettbewerb.

Sollte man Kindern das luzide Träumen beibringen?

Hier werde ich vorsichtig, weil es um fremde Kinder geht und nicht um mich. Meine ganze Haltung zum Klarträumen ist entspannt und ohne Druck, und genau das würde ich bei Kindern erst recht beherzigen. Ein Kind braucht kein Trainingsprogramm und keine ehrgeizige Übungsroutine. Wenn ein Kind ohnehin schon spontan luzide träumt, ist das ein hübsches Talent, kein Projekt, das man optimieren muss.

Was ich für völlig in Ordnung halte, ist ein offenes, neugieriges Gespräch. Wenn dein Kind dir von einem Traum erzählt, in dem es gemerkt hat, dass es träumt, kannst du dich einfach mitfreuen und nachfragen, wie das war. Allein dass du es ernst nimmst und nicht als Spinnerei abtust, ist viel wert. Kinder spüren genau, ob man ihnen zuhört oder sie belächelt.

Von gezielten Techniken, also etwa nächtlichem Wecken oder strengen Routinen, würde ich bei Kindern die Finger lassen. Ihr Schlaf ist kostbar und für ihre Entwicklung enorm wichtig, da will ich nichts riskieren, nur um eine Fähigkeit zu fördern, die viele von ihnen ohnehin schon mitbringen. Wenn überhaupt, dann reicht das Allereinfachste völlig aus, und das ist sowieso für jedes Kind gesund.

Was harmlos und sinnvoll ist

Es gibt ein paar sanfte Dinge, die niemandem schaden und die ich guten Gewissens nennen kann. Sie haben nichts mit Leistung zu tun. Es geht eher um Aufmerksamkeit für die eigene innere Welt.

Das morgendliche Erzählen der Träume ist so eine Sache. Wenn ihr beim Frühstück kurz darüber redet, was jeder geträumt hat, trainiert das ganz nebenbei die Traumerinnerung, und zwar spielerisch und ohne Stift und Papier. Bei Kindern, die noch nicht schreiben, ist das Erzählen ohnehin der natürlichste Weg. Es macht Spass, es bringt euch ins Gespräch, und mehr braucht es in diesem Alter nicht.

Genauso harmlos ist es, einem Kind beiläufig zu erklären, dass man in Träumen manchmal merken kann, dass man träumt, und dann selbst entscheiden darf, was passiert. Mehr Theorie braucht es nicht. Ob ein Kind mit diesem Wissen etwas anfängt, entscheidet es selbst. Wer es genauer wissen will, wie weit diese Fähigkeit überhaupt verbreitet ist, findet bei mir einen eigenen Artikel zur Frage, ob jeder luzid träumen lernen kann. Vieles davon gilt für Kinder genauso, nur dass sie eben oft den natürlichen Vorsprung haben.

Ein Wort an besorgte Eltern

Vielleicht liest du das gerade, weil dein Kind etwas Ungewöhnliches erzählt hat, und du fragst dich, ob das in Ordnung ist. Die kurze Antwort lautet ja, und du darfst aufatmen. Ein Kind, das luzide träumt, ist nicht in Gefahr und auch nicht seltsam. Es erlebt schlicht eine ganz natürliche Spielart des Träumens, die viele Kinder kennen.

Ich verstehe, woher die Sorge kommt. Im Netz kursieren reichlich gruselige Geschichten rund ums Klarträumen, von Dämonen bis zum angeblichen Steckenbleiben im Traum. Das meiste davon ist übertrieben oder schlicht falsch, und für Kinder gilt das genauso. Ein Klartraum ist ein Traum wie jeder andere, nur mit dem Unterschied, dass das Kind weiss, dass es träumt. Das Gehirn macht dabei nichts Gefährliches. Es folgt seinem normalen Schlafrhythmus, und das Kind wacht ganz von allein wieder auf.

Es gibt sogar einen schönen Lichtblick an der ganzen Sache. Viele Kinder leiden zeitweise unter Albträumen, und das gehört zum Aufwachsen leider dazu. Hier kann die Fähigkeit, im Traum bewusst zu werden, eine echte Hilfe sein. Wenn ein Kind mitten im Albtraum merkt, dass es nur träumt, verliert das Monster sofort einen grossen Teil seines Schreckens. Manche Kinder lernen so ganz von selbst, dem bösen Traum davonzufliegen oder ihn umzuschreiben.

Wie Klarträume gegen Albträume helfen

Ich erlebe das bei mir selbst, und ich finde es einen der schönsten Nebeneffekte überhaupt. Sobald ein Traum kippt und unangenehm wird, werde ich fast automatisch luzide, und dann kann ich entscheiden, ob ich aufwache oder einfach davonfliege. Aus etwas Bedrohlichem wird auf einen Schlag etwas, das ich selbst in der Hand habe.

Bei Kindern kannst du diesen Effekt sanft unterstützen, ohne grosse Technik. Wenn dein Kind oft denselben Albtraum hat, könnt ihr am Tag in Ruhe darüber reden und gemeinsam überlegen, was es im Traum anders machen könnte. Vielleicht stellt es sich vor, dass es dem Monster ein Eis anbietet, statt davonzulaufen, oder dass es einfach wegfliegt. Diese kleine Vorstellung am Tag kann im Traum tatsächlich Wirkung zeigen. Ich habe dazu einen ausführlicheren Text geschrieben, wie man Albträume nutzen kann, und vieles davon lässt sich kindgerecht und ganz behutsam anwenden.

Ein wichtiger Hinweis bleibt trotzdem. Wenn die Albträume deines Kindes sehr häufig sind, sehr belastend wirken oder mit echtem Leidensdruck einhergehen, dann gehört das in fachkundige Hände. Ein Artikel von mir ersetzt keine Kinderärztin und keine Therapeutin. Ich rede hier von den ganz normalen Albträumen, die fast jedes Kind mal hat, nicht von einer ernsten Belastung. Bei der gehört Hilfe geholt, ohne Wenn und Aber.

Was wir Erwachsenen daraus lernen können

Mich lässt diese ganze Sache nicht los, weil sie eine kleine Lehre für uns Grosse enthält. Wenn Kinder es leichter haben, weil ihr Geist offener und weniger verfestigt ist, dann liegt darin ein Hinweis darauf, was uns im Weg steht. Wir verlieren die Fähigkeit ja nicht völlig, wir verschütten sie eher unter Gewohnheiten und festen Annahmen.

Das passt gut zu dem, was ich beim Üben immer wieder merke. Im Traum ist alles eine Frage der Überzeugung. Wer zweifelt, kann nicht fliegen. Kinder zweifeln weniger, also fliegen sie leichter. Vielleicht ist ein Teil des erwachsenen Trainings im Grunde ein Zurückfinden zu dieser kindlichen Offenheit, ein bewusstes Lockern der Annahmen, die wir uns über die Jahre zugelegt haben.

Ich will daraus keine grosse Philosophie machen, dafür weiss ich zu wenig. Doch es erinnert mich daran, beim Klarträumen nicht zu verbissen zu sein. Die spielerische, neugierige Haltung eines Kindes bringt einen hier weiter als jeder eiserne Wille. Genau das versuche ich mir bei aller Übung zu bewahren.

Mein Fazit

Können Kinder luzide träumen? Ja, und zwar oft sogar leichter und natürlicher als wir Erwachsenen. Spontane Klarträume sind bei Kindern keine Seltenheit, und die Fähigkeit scheint mit dem Alter eher abzunehmen als zu wachsen. Die Gründe dafür liegen vermutlich in ihrem beweglichen Gehirn, ihrer lebhaften Traumwelt und ihren noch nicht verfestigten Vorstellungen davon, was echt sein kann.

Wenn dein Kind von solchen Erlebnissen erzählt, ist das kein Grund zur Sorge, eher ein Grund zur Freude. Es braucht kein Training und kein Programm, nur ein offenes Ohr und dein echtes Interesse. Bei Albträumen kann die Fähigkeit sogar zum kleinen Schutzschild werden, weil ein luzides Kind dem bösen Traum die Macht nehmen kann.

Bleib also gelassen, hör deinem Kind zu und freu dich an dieser besonderen Begabung, solange sie da ist. Wenn dich das Thema weiterzieht, stöbere ruhig durch meine übrigen Mythen rund ums Klarträumen, denn rund um dieses Thema wird einiges durcheinandergebracht, das eine ruhige Einordnung verdient.