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Sein Krafttier finden: was wirklich dran ist

Mythen11 Min. Lesezeit

Sein Krafttier finden: was wirklich dran ist

Ich war als Teenager überzeugt von Krafttieren. Wie man traditionell sein Krafttier finden soll, was dahintersteckt und wie ich das Ganze heute sehe.

Ich war vierzehn, lag mit Kopfhörern auf dem Boden meines Zimmers und liess eine Trommelaufnahme laufen, die ich von einer alten CD gezogen hatte. Mein Plan an diesem Nachmittag war klar, denn ich wollte mein Krafttier finden. In der Anleitung stand, ich solle mir einen Eingang in die Erde vorstellen, eine Höhle oder einen hohlen Baumstamm, und einfach hineinsteigen. Der gleichmässige Trommelschlag sollte mich tiefer und tiefer tragen. Irgendwann, so versprach es der Text, würde mir ein Tier begegnen. Und genau dieses Tier wäre dann meines.

Es hat eine Weile gedauert, aber irgendwann tauchte tatsächlich etwas auf. Ein Wolf, der mich von der Seite ansah und einfach stehen blieb. Ich war damals völlig überzeugt, einem echten Geistwesen begegnet zu sein. Heute sehe ich das ruhiger, und genau darum geht es in diesem Artikel. Ich schaue mir an, was ein Krafttier eigentlich ist, wie man traditionell sein Krafttier finden soll und wie ich das nach fünfzehn Jahren mit dem ganzen Themenfeld einordne. Ich nehme die Sache ernst, mache mich über niemanden lustig und bleibe trotzdem bei dem, was ich wirklich weiss.

Was ein Krafttier überhaupt sein soll

Fangen wir bei der Idee selbst an. Das Konzept stammt aus schamanischen Traditionen, und es taucht in sehr vielen Kulturen auf. Die Begriffe gehen dabei durcheinander. Mal heisst es Krafttier, mal Totemtier, mal Geisttier oder einfach spirit animal. Die Vorstellungen unterscheiden sich im Detail, doch der Kern ist meistens ähnlich.

Ein Krafttier ist demnach ein tierischer Verbündeter aus einer anderen Ebene der Wirklichkeit. Es begleitet dich, schützt dich und steht für bestimmte Eigenschaften. Der Bär für Kraft und Rückzug, der Adler für Überblick, die Schlange für Wandlung und so weiter. Manche Traditionen sagen, du habest dein Krafttier dein Leben lang. Andere sagen, es wechsle je nach Lebensphase. Wieder andere sprechen von mehreren Tieren gleichzeitig.

Wichtig ist mir hier eine Unterscheidung, die oft verwischt wird. Das Totemtier im engeren Sinn ist tief in konkreten indigenen Kulturen verwurzelt, etwa bei verschiedenen Völkern Nordamerikas. Dort hat es eine ganz eigene soziale und religiöse Bedeutung. Was im modernen, westlichen Esoterik-Regal als Krafttier verkauft wird, ist oft eine stark vereinfachte Mischung aus vielen Quellen. Das eine ist gelebte Kultur, das andere ist eine moderne Aneignung davon. Ich finde, man sollte das nicht in einen Topf werfen. Wenn ich hier von Krafttieren rede, meine ich die populäre, westliche Variante, mit der auch ich damals in Berührung kam.

Wie man sein Krafttier finden soll

Jetzt zur Praxis, denn genau danach wird ja gesucht. Wie soll man sein Krafttier finden? Die klassischen Wege ähneln sich erstaunlich stark, egal aus welcher Ecke die Anleitung kommt. Alle laufen darauf hinaus, das wache Alltagsdenken herunterzufahren und in einen veränderten Bewusstseinszustand zu gleiten.

Der bekannteste Weg ist die Trommelreise, die auch ich versucht habe. Du legst dich hin, schliesst die Augen und hörst einer monotonen Trommel zu, oft mit etwa vier bis sieben Schlägen pro Sekunde. Dieser gleichmässige Rhythmus hat tatsächlich eine Wirkung auf das Gehirn. Er hilft, in einen tranceartigen, leicht verträumten Zustand zu kommen, ähnlich dem Dämmern kurz vor dem Einschlafen. In diesem Zustand stellst du dir die Reise vor und wartest, welches Tier dir begegnet.

Daneben gibt es noch andere Methoden, die ich der Vollständigkeit halber nenne.

  • Geführte Meditation. Eine ruhige Stimme leitet dich durch eine innere Landschaft und lädt das Krafttier ein, sich zu zeigen.
  • Traumarbeit. Du achtest gezielt auf Tiere, die in deinen Träumen auftauchen, und führst darüber ein Tagebuch.
  • Wiederkehrende Begegnungen im Alltag. Manche deuten ein Tier, das ihnen auffällig oft begegnet, als Hinweis auf ihr Krafttier.
  • Atem und Fasten. In strengeren Traditionen kommen langes Wachsein, Rückzug oder Fasten dazu, um den Zustand zu vertiefen.

Was mir an dieser Liste auffällt, ist der rote Faden. In jedem dieser Wege geht es darum, den kritischen, ordnenden Verstand kurz zur Seite zu schieben und etwas aus der Tiefe aufsteigen zu lassen. Genau dieser Punkt wird später noch wichtig.

Meine eigene Geschichte mit dem Thema

Ich komme selbst aus dieser Ecke, das verschweige ich nicht. Als Jugendlicher war ich tief drin im esoterischen Zeug. Bei mir kam sogar zuerst der Schamanismus, danach die Astralprojektion, und erst zum Schluss stiess ich auf das luzide Träumen. Die Suche nach dem Krafttier gehörte zu meinen ersten Schritten überhaupt.

Ich nahm das damals völlig ernst. Ich besorgte mir Bücher, las in Foren mit und probierte die Trommelreise immer wieder aus. Mein Wolf war für mich ein echter Begleiter und nicht bloss Fantasie. Ich habe lange daran festgehalten, und ich schäme mich kein bisschen dafür. Diese Phase hat mich neugierig gemacht auf die Frage, was im Kopf eigentlich passiert, wenn wir die Augen schliessen und nach innen gehen.

Heute stehe ich an einem anderen Ort. Ich bin nüchterner geworden, habe aber den Respekt vor diesen Erfahrungen behalten. Wenn ich über schamanische Wege schreibe, dann nicht von aussen und von oben herab. Ich war selbst dort, und ich weiss, wie kraftvoll sich so eine Begegnung anfühlen kann. Wer das einmal erlebt hat, lässt sich nicht mit einem schnellen “ist doch alles Einbildung” abspeisen. Genau deshalb versuche ich, beide Seiten fair zu behandeln. Mehr darüber, wie eine solche Reise abläuft und woher sie kommt, habe ich in meinem Artikel zur schamanischen Reise aufgeschrieben.

Meine heutige Einordnung

Jetzt kommt mein Standpunkt, und ich sage gleich dazu, dass es meine Deutung ist und kein letztes Wort. Ich glaube, ein Krafttier ist ein kraftvolles Symbol aus dem eigenen Unterbewusstsein. Es ist nicht weniger echt, weil es aus dir kommt. Es ist nur anders echt, als es die esoterische Lesart behauptet.

Schau dir noch einmal an, wie man sein Krafttier finden soll. Trommel, Trance, Meditation, der Zustand kurz vor dem Schlaf. Das alles fährt den wachen Verstand herunter und öffnet die Tür zu jenem Teil von dir, der sonst nur nachts im Traum frei arbeitet. In diesem Zustand bringt dein Gehirn Bilder hervor, die dich überraschen, weil du sie nicht bewusst geplant hast. Ein Tier, das einfach auftaucht und dich ansieht, fühlt sich deshalb an wie ein Besuch von aussen. In Wahrheit ist es ein Besuch von ganz tief innen.

Das macht die Sache für mich nicht kleiner. Im Gegenteil. Dein Unterbewusstsein wählt nicht zufällig. Wenn dir in der Trance ein Wolf begegnet und kein Kaninchen, dann steckt darin oft etwas, das mit deiner Lage zu tun hat. Das Bild ist eine Botschaft an dich selbst, in einer Sprache, die älter ist als Worte. Genau das macht Symbole so wirkungsvoll. Sie tragen Bedeutung, ohne dass du sie ausbuchstabieren musst.

Diese Sicht hat noch einen Vorteil. Sie nimmt der Sache die Angst und den Aberglauben, ohne ihr die Kraft zu rauben. Du musst nicht glauben, da draussen schwebe ein Geistwesen, das über dich wacht. Du darfst die Begegnung trotzdem ernst nehmen, weil sie dir etwas über dich erzählt. Für mich ist das die ruhige Mitte zwischen “alles wahr” und “alles Quatsch”.

Die Brücke zum luziden Träumen

Hier wird es für mich richtig spannend, weil sich an dieser Stelle zwei Welten treffen. Wenn ein Krafttier ein Symbol aus dem Unterbewusstsein ist, dann gibt es einen Ort, an dem du diesem Symbol ganz direkt begegnen kannst. Dieser Ort ist der luzide Traum.

Im Klartraum bist du wach im eigenen Traum und kannst die Szene mitgestalten. Und eine der Sachen, die du tun kannst, ist Figuren zu rufen. Du kannst gezielt nach einer Gestalt fragen, einer Person oder eben einem Tier. Ich rufe Figuren am liebsten um die Ecke. Ich gehe auf eine Hausecke oder eine Tür zu und bin fest überzeugt, dass dahinter genau das wartet, was ich suche. Sehr oft ist es dann auch da. Wer das Spiel mit den Traumfiguren genauer kennenlernen will, findet bei mir die ganze Traumkontrolle mit allen Tricks dazu.

Stell dir das einmal vor. Statt einer Trommel-CD nutzt du den Zustand, in den du sowieso jede Nacht eintauchst. Du wirst dir im Traum bewusst, dass du träumst, und dann rufst du dein Krafttier. Du fragst es, du gehst mit ihm, du lässt es dich führen. Das ist im Grunde dieselbe Begegnung, die der Schamane in der Trance sucht, nur dass du dabei voll wach und in Kontrolle bist. Für mich ist das die natürlichste Heimat für die ganze Krafttier-Idee, weil hier Symbol und Erlebnis ganz nah beieinander liegen.

Ein kleiner Vorbehalt von mir. Figuren und Personen sind im Traum für mich mit am schwersten sauber zu halten. Das Gesicht oder die Gestalt verschiebt sich gern wieder, kaum dass ich genau hinsehe. Bei Tieren ist es mir oft etwas leichter gefallen, vielleicht weil ich an ihnen weniger Details festhalten will. Probier es aus und schau, wie stabil dein Krafttier bei dir bleibt. Das ist sowieso die beste Art, diese Dinge zu lernen, nämlich selbst.

Warum mich diese Überlappung nicht loslässt

Diese Brücke zwischen Schamanismus und Klartraum ist kein Einzelfall. Sie zieht sich durch mein ganzes Verhältnis zu diesem Themenfeld. Je länger ich dabei bin, desto öfter stosse ich auf denselben Mechanismus unter verschiedenen Namen.

Schamanen reisen in Trance in eine andere Welt und treffen dort Wesen. Astralreisende treten aus ihrem Körper und bewegen sich durch fremde Räume. Klarträumer steigen bewusst in den Traum und gestalten ihn. Lies dir Berichte aus diesen drei Lagern durch, und du wirst Mühe haben, sie sauber zu trennen. Die Bilder unterscheiden sich, das Vokabular unterscheidet sich, doch das Verfahren wirkt jedes Mal verblüffend ähnlich. Immer geht es darum, den wachen Verstand herunterzufahren und in einen inneren Raum zu treten, der sich anfühlt wie eine eigene Welt.

Das luzide Träumen war für mich das Erste von all dem, das verlässlich funktioniert hat. Es war wiederholbar, und es gab eine nüchterne Erklärung dafür. Das hat meinen Blick auf den Rest geprägt. Seither vermute ich, dass die Schamanin, der Astralreisende und der Klarträumer alle an derselben Tür klopfen. Sie geben dem, was dahinterliegt, bloss verschiedene Namen. Wer dieser Spur weiter folgen will, findet meine ausführliche Auseinandersetzung damit unter Astralreise oder luzider Traum, wo ich Wissenschaft und Esoterik gegeneinanderhalte.

Wo bleibt das Geheimnisvolle?

An dieser Stelle taucht oft ein Einwand auf, und ich nehme ihn ernst. Nimmt diese nüchterne Sicht der Sache nicht alle Magie? Wenn das Krafttier nur ein Symbol aus dem eigenen Kopf ist, lohnt sich dann die ganze Mühe noch?

Ich finde, sie lohnt sich sogar mehr als vorher. Denk einmal darüber nach, was es heisst, dass dein eigener Geist ein lebendiges Tier hervorbringt. Es spricht mit dir und zeigt dir etwas. Das ist nicht weniger erstaunlich als ein Geistwesen aus einer anderen Welt. Es ist nur näher bei dir. Die Werkstatt, in der diese Bilder entstehen, trägst du jede Nacht mit dir herum. Du musst nirgendwohin reisen, um das Wunderbare zu finden. Es wartet hinter deinen geschlossenen Augen.

Was ich ablehne, ist nur die falsche Gewissheit. Wer felsenfest behauptet, da draussen lebe ein Geistwesen, das über sein Leben bestimmt, geht mir zu weit. Genauso zu weit geht der, der jede solche Erfahrung mit einem Achselzucken abtut. Ich halte mir bewusst eine Tür offen. Ich weiss es nicht mit letzter Sicherheit, und ich habe über die Jahre genug Seltsames erlebt, um demütig zu bleiben. Bodenhaftung heisst für mich nicht, alles wegzuerklären. Sie heisst, das Erlebnis voll anzunehmen und die grosse Deutung trotzdem in der Schwebe zu lassen.

Wie ich heute mit einem Krafttier umgehen würde

Zum Schluss noch ein paar praktische Gedanken, falls du selbst dein Krafttier finden möchtest. Ich gebe dir keine starre Anleitung, weil jeder Kopf anders tickt. Ich erzähle dir lieber, wie ich es heute angehen würde.

Ich würde nicht zwingend bei der Trommel-CD anfangen, auch wenn sie ihren Reiz hat. Ich würde den Weg über den Traum wählen, weil ich dort am meisten Kontrolle habe. Zuerst würde ich vor dem Einschlafen eine klare Absicht setzen, nämlich meinem Krafttier zu begegnen. Diese eine Absicht mit in die Nacht zu nehmen, wirkt erstaunlich gut. Sobald ich im Traum luzid werde, würde ich ruhig bleiben. Vor Aufregung darf ich mich nicht gleich wachreissen. Dann würde ich nach meinem Tier rufen, am liebsten um die nächste Ecke herum.

Wenn es auftaucht, würde ich es nicht ausquetschen. Ich würde es ansehen, ihm folgen und schauen, wohin es mich bringt. Hinterher würde ich aufschreiben, welches Tier kam und wie es sich verhalten hat. Genau wie bei der alten Traumarbeit, nur eben aus dem luziden Zustand heraus. Über die Wochen entsteht so ein Bild, und du erkennst vielleicht ein Muster. Vielleicht kommt immer dasselbe Tier. Vielleicht wechselt es mit deiner Stimmung. Beides erzählt dir etwas.

Und falls dir gerade kein luzider Traum gelingt, ist das kein Verlust. Schon das ruhige Hinlegen, das Herunterfahren des Verstandes und die offene Frage an dich selbst können ein Bild aufsteigen lassen. Wichtig ist nur die Haltung dahinter. Nimm das, was kommt, ernst, ohne dir gleich eine ganze Glaubenswelt darüberzustülpen. Frag dich, was dieses Tier mit dir zu tun haben könnte. So wird aus einem hübschen Bild ein echtes Werkzeug zur Selbsterkenntnis.

Mein Wolf von damals taucht übrigens bis heute manchmal auf. Ich halte ihn nicht mehr für einen Geist aus einer anderen Welt. Aber ich höre trotzdem hin, wenn er auftaucht, weil ich gelernt habe, dass mein eigener Kopf selten ohne Grund zu mir spricht.