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Karabasan, Alp und Old Hag: ein Dämon, viele Namen

Mythen10 Min. Lesezeit

Karabasan, Alp und Old Hag: ein Dämon, viele Namen

Karabasan deutsch bedeutet der dunkle Drücker. Ich nehme dich mit auf eine Reise durch die Namen des Wesens, das nachts auf der Brust sitzt, von der Türkei bis Italien.

Vor ein paar Jahren sass ich in Istanbul auf einer Dachterrasse, und eine ältere Frau erzählte mir von ihrem Enkel. Der Junge wache manchmal nachts auf, könne sich nicht rühren und spüre etwas Schweres auf der Brust. Sie nannte es ganz selbstverständlich Karabasan, als wäre es ein bekannter Gast im Haus. Ich bekam Gänsehaut, aber aus einem ganz anderen Grund als sie. Sie beschrieb haargenau das, was ich selbst schon erlebt hatte, in meinem Bett, viele tausend Kilometer entfernt, in einer ganz anderen Sprache.

Genau dieser Moment hat mich zu diesem Artikel gebracht. Denn dieses Wesen, das nachts auf der Brust sitzt, kennt fast jede Kultur der Welt. Es trägt überall einen anderen Namen, aber es ist immer dieselbe Figur. In diesem Text nehme ich dich mit auf eine Reise durch diese Namen, von der Türkei über Neufundland bis nach Italien. Und ich zeige dir, warum die verblüffende Ähnlichkeit all dieser Geschichten für mich der schönste Beweis ist. Dahinter steckt kein Geist. Dahinter steckt etwas zutiefst Menschliches.

Karabasan deutsch: der, der dich niederdrückt

Fangen wir bei der Frau aus Istanbul an. Karabasan deutsch übersetzt heisst ungefähr der dunkle Drücker oder das schwarze Niederdrücken. Das Wort setzt sich zusammen aus kara, was schwarz oder dunkel bedeutet, und basan, von basmak, also drücken oder niedertreten. Schon im Namen steckt also die ganze Erfahrung. Etwas Dunkles kommt in der Nacht und drückt dich nieder.

In der türkischen Volksvorstellung ist Karabasan ein bedrückendes Wesen, das sich auf den Schlafenden legt und ihm die Luft nimmt. Manche beschreiben es als schattenhafte Gestalt, andere als eine Art Geist, der dich gezielt heimsucht. Die Symptome aber sind immer gleich. Du wachst auf, du kannst dich nicht bewegen, und auf deiner Brust liegt ein Gewicht. Manchmal kommt das Gefühl dazu, dass jemand im Raum ist und dich beobachtet.

Was mich an dem türkischen Wort so fasziniert, ist seine Genauigkeit. Es benennt nicht das Aussehen des Wesens. Es benennt das, was es tut. Es drückt. Und genau das ist die körperliche Kernerfahrung jeder Schlafparalyse, egal in welchem Land. Die Türken haben dem Ding einen Namen gegeben, der die reine Empfindung beschreibt, bevor die Vorstellung sie zu einem Monster ausschmückt.

Wenn du wissen willst, was bei diesem Druck tatsächlich in deinem Körper passiert, habe ich das im Pillar über die Schlafparalyse als körperliches Phänomen genau erklärt. Hier soll es um die Geschichten gehen, die Menschen über diesen Zustand erzählt haben. Und die sind mindestens so spannend wie die Physiologie.

Der Alp und der Mahr im deutschsprachigen Raum

Wir müssen gar nicht weit reisen, um auf das nächste Wesen zu stossen. In unserem eigenen Sprachraum hatte das Ding gleich zwei Namen, und beide leben bis heute in der Alltagssprache weiter, ohne dass wir es noch merken.

Der erste ist der Alp. Damit war kein Berg gemeint. Gemeint war ein druckhafter Quälgeist, der sich nachts auf die Schlafenden setzte. Das Wort steckt noch heute mitten im Albtraum. Ein Albtraum war ursprünglich der Traum, den der Alp dir aufzwingt, wenn er auf deiner Brust hockt. Die Leute glaubten, der Alp könne durch das Schlüsselloch schlüpfen oder durch einen Astloch im Holz, sich aufs Opfer legen und ihm den Atem rauben. Genau das schwere, erstickende Gefühl also, das wir heute der Atmung im REM-Schlaf zuschreiben.

Der zweite Name ist der Mahr oder die Mahr. Auch dieses Wesen drückte sich nachts auf die Brust des Schläfers. Und auch dieser Name lebt weiter, nämlich im zweiten Teil des Wortes Nachtmahr, dem alten deutschen Ausdruck für den schweren Traum. Der englische nightmare kommt aus derselben Wurzel. Die mare war dort genauso ein Dämon, der sich auf den Schlafenden legt. Wer tiefer in diese sprachliche Spur einsteigen will, findet bei mir einen eigenen Artikel zur Wortherkunft von Nachtmahr und Alp.

Mich beeindruckt daran, wie tief diese alte Erklärung in unserer Sprache vergraben liegt. Wir sagen Albtraum, ohne zu ahnen, dass wir damit von einem Quälgeist sprechen, an den unsere Vorfahren wirklich geglaubt haben. Der Aberglaube ist verschwunden, das Wort ist geblieben. Es ist wie ein Fossil im Wörterbuch.

Old Hag: von der Hexe geritten

Jetzt machen wir den grossen Sprung über den Atlantik, nach Neufundland an der Ostküste Kanadas. Dort, in den alten Fischerdörfern, kennt man die Old Hag, die alte Hexe. Und die Geschichten über sie sind so lebendig, dass Forscher dem Ding sogar einen wissenschaftlichen Spitznamen gegeben haben, das sogenannte Old-Hag-Syndrom.

Die Vorstellung geht so. Eine alte Frau, eine Hexe, kommt nachts und setzt sich auf die Brust des Schläfers. Sie drückt ihn nieder, und er kann sich nicht wehren. Das Spannende ist die Redewendung, die daraus entstanden ist. Die Leute in Neufundland sagten, sie seien von der Hexe geritten worden, wenn sie morgens wie zerschlagen aufwachten. Auf Englisch hag-ridden. Gemeint war genau die Erschöpfung nach einer durchdrungenen, unruhigen Nacht.

Auch hier steckt im Bild die körperliche Wahrheit. Wer eine Schlafparalyse hatte, wacht oft nicht erholt auf. Stattdessen ist man aufgewühlt, mit klopfendem Herzen und dem Gefühl, gerade etwas überstanden zu haben. Die Menschen in Neufundland haben dieses Gefühl in eine Figur übersetzt, die auf einem reitet wie auf einem Pferd. Es ist dasselbe Erleben wie beim Karabasan, nur in ein anderes Bild gegossen. Statt eines dunklen Drückers eine reitende Hexe.

Pandafeche: die Hexe von den Marken

Bleiben wir bei Hexen und reisen nach Italien, genauer in die Region der Marken an der Adria. Dort lebt die Pandafeche, eine besonders gut erforschte Variante unseres nächtlichen Besuchers. Forscher haben in dieser Gegend Hunderte von Menschen befragt, und die Berichte lesen sich, als kämen sie aus einem einzigen Drehbuch.

Die Pandafeche ist mal eine Hexe, mal eine Katze, mal ein vager, bedrohlicher Geist. Sie kommt nachts, hockt sich auf den Brustkorb des Schläfers und drückt ihn nieder. Viele Befragte berichteten von genau den Dingen, die wir inzwischen gut kennen. Die Unfähigkeit, sich zu bewegen, das erstickende Gewicht, das Gefühl einer Präsenz im Raum. Manche schilderten sogar, wie das Wesen sie zu würgen versuchte.

Was die italienischen Berichte so wertvoll macht, ist ihre schiere Zahl. Hier reden nicht ein paar einzelne Leute von einem seltsamen Erlebnis. Hier beschreibt eine ganze Region dasselbe Wesen mit denselben Details. Und es ist exakt das Wesen, das die Türkin in Istanbul Karabasan nannte und das die Fischer in Neufundland als Old Hag kannten. Drei Orte, drei Sprachen, eine Erfahrung.

Dschinn: der Geist aus dem arabischen Raum

In Ägypten und in weiten Teilen der arabischen Welt bekommt die Sache eine religiöse Färbung. Dort schreibt man die nächtliche Bedrückung oft einem Dschinn zu, einem Geistwesen aus der islamischen Vorstellungswelt. Der Dschinn ist kein blosser Schatten. Er gilt als eigenständiges Wesen mit Willen und Absicht. Und genau das macht diese Variante besonders beängstigend für die, die daran glauben.

Forscher haben in Ägypten Menschen mit Schlafparalyse befragt und festgestellt, dass viele ihre Erlebnisse direkt mit dem Dschinn erklären. Sie spüren den Druck, die Lähmung, die Präsenz, und für sie ist klar, dass ein Geistwesen sie heimsucht. Manche fürchten, der Dschinn könne ihnen ernsthaft schaden oder sie gar töten. Diese Deutung verändert das Erleben spürbar. Wer glaubt, ein böser Geist greife ihn an, hat mehr Angst, und mehr Angst macht die Episoden heftiger und länger.

Das finde ich einen der lehrreichsten Punkte auf dieser ganzen Reise. Der Zustand im Körper ist überall gleich. Aber die Geschichte, die eine Kultur darüber erzählt, formt mit, wie schlimm sich das Erlebnis anfühlt. Wo man an einen tödlichen Geist glaubt, leiden die Menschen mehr. Wo man weiss, dass es nur der Körper ist, geht es vorbei wie ein Schauer. Die Deutung ist nicht harmlos. Sie ist Teil des Erlebens.

Kanashibari: an Metall gebunden in Japan

Reisen wir noch ein Stück weiter, nach Japan. Dort heisst der Zustand Kanashibari, was wörtlich so viel bedeutet wie an Metall gebunden oder mit Metall gefesselt. Schon wieder ein Name, der nicht das Wesen beschreibt. Er beschreibt die Empfindung. Diesmal ist es das Gefühl, wie von eisernen Ketten an Ort und Stelle gehalten zu werden.

Der Begriff stammt ursprünglich aus dem religiösen Umfeld, aus Vorstellungen, in denen ein Mönch oder eine übernatürliche Macht jemanden festbinden konnte. Heute benutzen viele Japaner das Wort ganz selbstverständlich für genau das nächtliche Gelähmtsein, von dem dieser ganze Artikel handelt. Manche verbinden es mit dem Gefühl einer bösen Präsenz, andere einfach mit der reinen Bewegungslosigkeit.

Stell dir das einen Moment vor. Eine Türkin spricht vom dunklen Drücker. Ein Japaner fühlt sich an Metall gebunden. Ein Neufundländer wurde von der Hexe geritten. Drei völlig verschiedene Bilder, und trotzdem beschreiben alle drei dasselbe. Den Moment, in dem der Geist wach ist und der Körper noch schläft. Mehr Beweis braucht es eigentlich nicht.

Warum überall dieselbe Geschichte erzählt wird

Genau hier liegt für mich der ganze Reiz dieser Sammlung. Schau dir die Liste noch einmal an. Karabasan in der Türkei, Alp und Mahr im deutschsprachigen Raum, Old Hag in Neufundland, Pandafeche in Italien, Dschinn in Ägypten, Kanashibari in Japan. Verschiedene Kontinente, verschiedene Religionen, verschiedene Jahrhunderte. Und doch beschreiben all diese Menschen fast genau dasselbe.

Wäre dieses Wesen ein echter Dämon, müsste man sich fragen, warum er überall auf der Welt nach demselben Drehbuch arbeitet. Warum sitzt er immer auf der Brust und nie auf den Füssen? Warum kommt er immer im Übergang zwischen Schlaf und Wachsein und nie am helllichten Tag? Ein echtes übernatürliches Wesen müsste erstaunlich gut organisiert sein, um sich an so strenge Regeln zu halten, in Kulturen, die nie voneinander gehört haben.

Viel einfacher ist die andere Erklärung. Es gibt einen einzigen körperlichen Zustand, und der läuft bei allen Menschen gleich ab, weil wir alle dasselbe Gehirn und denselben Schlaf haben. Die Lähmung gehört zur REM-Phase und schützt uns davor, unsere Träume körperlich auszuleben. Wachst du auf, bevor sie sich gelöst hat, erlebst du sie bewusst. Der Druck auf der Brust kommt von der veränderten Atmung im Traumschlaf. Und die Gestalt im Raum ist eine hypnagoge Halluzination, ein Sinneseindruck aus dem Grenzland zwischen Wachen und Träumen.

Jede Kultur hat über diesen einen, immer gleichen Vorgang ihre eigene Geschichte gelegt. Die einen sahen eine Hexe, die anderen einen Geist, die dritten einen schwarzen Drücker. Das Material war überall identisch. Nur die Deutung wechselte mit dem Ort. Genau das meine ich, wenn ich sage, der Aberglaube ist die Verpackung und die Hirnphysiologie ist der Inhalt.

Wenn dich interessiert, warum dein Gehirn ausgerechnet eine bedrohliche Gestalt baut und nicht etwa einen freundlichen Hund, dann lies meinen Artikel über den Schlafparalyse-Dämon und seine Mechanik. Dort gehe ich genauer auf das ein, was im Kopf passiert. Hier ging es mir um die Kulturgeschichte, also um die vielen Gesichter, die ein und dasselbe Erlebnis bekommen hat.

Was diese Reise für dich bedeutet

Du fragst dich vielleicht, was du mit dieser ganzen Folklore anfangen sollst, wenn du mitten in der Nacht gelähmt im Bett liegst. Mehr, als du denkst. Denn das Wissen um diese kulturelle Gleichheit ist selbst ein Werkzeug gegen die Angst.

Wenn du das nächste Mal aufwachst und dich nicht bewegen kannst, erinnere dich an die Frau aus Istanbul, an die Fischer aus Neufundland, an die Menschen in den Marken. Sie alle haben genau das erlebt, was du gerade erlebst. Millionen Menschen über Tausende von Jahren. Und keiner von ihnen ist daran gestorben, dass ihm nachts ein Schatten erschienen ist. Was du spürst, ist uralt, weit verbreitet und absolut harmlos. Du bist in bester Gesellschaft.

Diese Vorstellung beruhigt mich mehr als jede andere. Der dunkle Drücker, die reitende Hexe, der würgende Geist, all das sind nur Kostüme. Darunter steckt immer derselbe Mensch, der für ein paar Sekunden zwischen zwei Zuständen festhängt und dessen Kopf das fremde Gefühl in eine Geschichte übersetzt. Du musst die Geschichte nur erkennen, dann verliert sie ihre Macht.

Und falls du den Spiess umdrehen willst, gibt es noch eine schöne Pointe. Genau dieser Grenzzustand, der die halbe Welt mit Dämonengeschichten versorgt hat, ist auch das Tor zum luziden Träumen. Wer ruhig bleibt, statt in Panik gegen die Lähmung anzukämpfen, kann aus demselben Moment bewusst in einen Traum hinübergleiten. Aus dem Karabasan deutscher Prägung wird dann kein Monster mehr. Aus ihm wird eine Tür. Du musst nur entscheiden, ob du dich vor ihr fürchtest oder gelassen hindurchgehst.

Mehr von diesen Geschichten, in denen hinter dem Aberglauben ein nüchterner und oft sogar schöner körperlicher Vorgang steckt, findest du in meiner Mythen-Sammlung. Die dunkle Gestalt am Bettrand ist nur der berühmteste Fall. Es gibt noch viele weitere, und fast immer lohnt sich der genauere Blick.