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Die schamanische Reise: Trance, kein Hokuspokus

Mythen10 Min. Lesezeit

Die schamanische Reise: Trance, kein Hokuspokus

Die schamanische Reise ist eine uralte Trancetechnik. Wie sie funktioniert, was sie mit luzidem Träumen teilt und wo ich nach Jahren skeptisch bleibe.

Mit vierzehn lag ich auf dem Teppich in meinem Zimmer, die Augen geschlossen, und liess eine Trommel laufen. Ich hatte mir die Aufnahme aus einem dieser staubigen Esoterik-Foren gezogen, ein monotones, schnelles Trommeln ohne Anfang und ohne Ende. In einem alten Buch über Schamanismus stand, ich solle mir einen Eingang in die Erde vorstellen, einen Höhleneingang oder eine Baumwurzel, und da hineinsteigen. Also tat ich das. Ich sah einen dunklen Spalt im Waldboden, kroch in Gedanken hinein und folgte einem Tunnel nach unten. Irgendwann wurde es weit, und ich stand in einer Landschaft, die ich nie zuvor gesehen hatte. Es fühlte sich nicht wie reines Tagträumen an. Es trug sich von selbst, als hätte das Trommeln mich irgendwohin geschoben. Ich war damals fest überzeugt, gerade in die untere Welt gereist zu sein.

Heute bin ich vorsichtiger mit dem, was ich da erlebt habe. Was ich aber bis heute nicht abtue, ist die Methode selbst. Die schamanische Reise funktioniert, und sie funktioniert sogar erstaunlich zuverlässig. In diesem Artikel zeige ich dir, was eine schamanische Reise eigentlich ist. Ich erkläre, wie das Trommeln dabei den Kopf in einen anderen Gang schaltet. Und ich zeige, warum mir das Ganze so verdächtig nach luzidem Träumen aussieht. Ich nehme die Technik ernst, und ich trenne sie von den übernatürlichen Behauptungen, die oft mitgeliefert werden.

Was eine schamanische Reise ist

Fangen wir mit dem Handwerk an, denn das ist der spannende Teil. Eine schamanische Reise ist im Kern eine Technik, um in einen veränderten Bewusstseinszustand zu gelangen. Du legst dich hin, schliesst die Augen und lässt einen gleichmässigen Rhythmus auf dich wirken. Dann wanderst du mit deiner inneren Wahrnehmung in eine Bilderwelt hinein und bewegst dich dort umher.

Die Anthropologin und die Praktiker, die diese Methode in den Westen gebracht haben, beschreiben meist drei Ebenen. Es gibt die untere Welt, die obere Welt und die mittlere Welt. In die untere Welt steigst du über einen Eingang nach unten, etwa eine Höhle, ein Loch im Boden oder eine Baumwurzel. In die obere Welt gehst du nach oben, über einen Baum, einen Rauch oder einen Berg. Die mittlere Welt entspricht ungefähr unserer Alltagswelt, nur in der Wahrnehmung der Reise.

Was du dort erlebst, ähnelt einem sehr lebhaften, halb gesteuerten Traum. Du triffst Wesen, du gehst Wege ab, du suchst nach etwas oder jemandem. In vielen Traditionen geht es dabei um eine Begegnung mit einem hilfreichen Wesen. Wie genau dieses Wesen aussieht und welche Rolle es spielt, das habe ich an anderer Stelle aufgeschrieben, nämlich dort, wo ich beschreibe, wie man sein Krafttier finden kann. Hier soll es nur um die Reise selbst gehen, also um den Weg dorthin und den Zustand, in dem das alles geschieht.

Das Trommeln und die magische Frequenz

Das Herzstück der schamanischen Reise ist der Klang. In den meisten Traditionen kommt er von einer Rahmentrommel, manchmal von einer Rassel. Das Entscheidende ist der Rhythmus. Er ist schnell, gleichmässig und monoton, oft im Bereich von vier bis sieben Schlägen pro Sekunde. Es passiert nichts Aufregendes, es gibt keine Melodie, nichts, was deinen Verstand fesseln würde. Genau das ist der Punkt.

Diese Spanne von etwa vier bis sieben Schwingungen pro Sekunde hat einen Namen. In der Hirnforschung heisst sie der Theta-Bereich. Theta-Wellen treten auf, wenn wir tief entspannt sind, leicht wegdämmern oder gerade in den Schlaf hinübergleiten. Es ist derselbe Bereich, in dem auch der hypnagoge Zustand wohnt. Das ist jener Schwellenraum zwischen Wachen und Schlafen, in dem von selbst Bilder und Klänge auftauchen.

Ob das Trommeln das Gehirn wirklich sauber in diesen Bereich zieht, darüber gibt es einige Studien, und die Ergebnisse sind nicht ganz einheitlich. Manche Untersuchungen finden tatsächlich Hinweise auf einen veränderten Zustand beim Hören dieser Trommelrhythmen. Andere Forscher bleiben da deutlich vorsichtiger. Ich will hier also nichts behaupten, was nicht belegt ist. Was ich aber aus eigener Erfahrung sagen kann, ist, dass der gleichmässige Rhythmus den denkenden, planenden Teil des Kopfes beruhigt. Wenn nichts mehr deine Aufmerksamkeit packt, hört der innere Kommentator irgendwann auf zu reden, und dann öffnet sich der Raum für die inneren Bilder.

Wichtig ist mir an dieser Stelle ein nüchterner Gedanke. Du brauchst keinen Geist und keine fremde Macht, um in diesen Zustand zu kommen. Es reicht ein monotoner Reiz, geschlossene Augen und der Wille, deine Aufmerksamkeit nach innen zu richten. Das ist Trance, und Trance ist ein ganz natürlicher Zustand des Gehirns. Wir kennen das alle aus dem Alltag. Auf einer langen Autofahrt geraten wir in eine Art Tunnel und wissen plötzlich nicht mehr, wie die letzten Kilometer vergangen sind.

Wie die Reise abläuft

Wer es selbst ausprobieren will, kann sich an einen einfachen Ablauf halten. Ich beschreibe ihn, wie ich ihn damals gelernt und benutzt habe, ganz ohne Beiwerk.

Du suchst dir einen ruhigen Ort, an dem dich niemand stört. Du legst dich hin oder setzt dich bequem, schliesst die Augen und startest eine Trommelaufnahme im erwähnten Rhythmus. Es gibt unzählige davon, und viele dauern um die fünfzehn Minuten, mit einem schnelleren Schlag am Ende, der dich zurückholt. Dann atmest du ein paar Mal ruhig durch und lässt deinen Körper schwer werden.

Jetzt stellst du dir deinen Einstieg vor. In die untere Welt nimmst du einen Eingang nach unten. Ich habe oft eine Höhle benutzt, die ich aus den Ferien kannte. Du gehst in Gedanken hinein und folgst dem Weg nach unten. Wichtig ist, dass du dich nicht verkrampfst und nichts erzwingst. Du lädst die Bilder eher ein, als dass du sie befiehlst. Mit etwas Übung beginnt sich der Weg von selbst zu zeigen, und genau dann wird es interessant.

Irgendwann öffnet sich der Tunnel, und du stehst in einer Landschaft. Von hier aus folgst du einfach, was geschieht. Du gehst herum, schaust dich um und lässt dich auf Begegnungen ein. Wenn am Ende der schnellere Rückholrhythmus einsetzt, gehst du denselben Weg zurück, durch den Tunnel nach oben, und öffnest die Augen. Viele schreiben danach auf, was sie erlebt haben, ganz ähnlich wie bei einem Traumtagebuch.

Wo die schamanische Reise und der Klartraum sich berühren

Jetzt kommt der Teil, der mich seit Jahren nicht loslässt. Je mehr ich über die schamanische Reise nachdenke, desto deutlicher sehe ich darin denselben Mechanismus, den ich vom luziden Träumen her kenne.

Schau dir die Zutaten an. Augen geschlossen, Körper still, ein monotoner Reiz, der den wachen Verstand beruhigt, und eine innere Bilderwelt, die sich aufbaut und in die man hineingeht. Das ist fast Wort für Wort die Beschreibung des hypnagogen Zustands, also der Schwelle, an der auch jede WILD-Sitzung beginnt. Bei der WILD-Technik lege ich mich hin und halte mein Bewusstsein wach, während der Körper einschläft. Dann steige ich bewusst in die Szene ein, die vor mir entsteht. Bei der schamanischen Reise mache ich im Grunde dasselbe. Der Trommelschlag trägt mich in diesen Schwellenbereich, und das Bild des Tunnels gibt mir eine feste Tür hinein.

Wer den ganzen Ablauf der WILD-Technik nachlesen will, findet ihn bei mir ausführlich unter WILD. Wenn du ihn neben eine Anleitung für die schamanische Reise legst, wirst du erstaunt sein, wie ähnlich sie sich lesen. Stilles Liegen, Aufmerksamkeit nach innen, das Auftauchen von Bildern, das bewusste Betreten einer Szene. Die Vokabeln sind anders, das Verfahren ist beinahe gleich.

Ein Unterschied bleibt natürlich. Bei der klassischen schamanischen Reise schläfst du nicht ein, du bleibst eher in einer wachen Trance mit lebhaften inneren Bildern. Beim WILD willst du am Ende ganz in den Traum hinübergleiten. Trotzdem würde ich sagen, dass beide auf derselben Skala liegen. Die schamanische Reise ist eine etwas wachere Spielart desselben Zustands, der mich auch in den luziden Traum trägt. Es ist dieselbe Tür, nur unterschiedlich weit geöffnet.

Trance ist echt, der Rest ist Deutung

Hier ziehe ich eine klare Linie, und sie ist mir wichtig. Die Trance ist echt. Der Zustand, in den dich das Trommeln bringt, ist ein nachweisbarer, erlebbarer Bewusstseinszustand. Daran zweifle ich keine Sekunde, weil ich ihn selbst kenne. Was eine andere Frage ist, das sind die Behauptungen, die in vielen Traditionen oben drauf kommen.

Manch einer sagt, er sei während der Reise wirklich in eine real existierende untere Welt gereist. Dort habe er mit echten Geistern gesprochen. An dieser Stelle verlässt er den Boden des Belegbaren. Das ist dieselbe Schwelle, an der ich beim Thema Astralreise innehalte. Ein Erlebnis kann sich überwältigend echt anfühlen. Im Erleben ist es dann auch echt. Es beweist aber nicht, dass da draussen eine eigene Welt existiert, die man besucht. Ich habe denselben Gedanken im Artikel zur Astralreise ausführlich entfaltet, weil er für mich das ganze Feld zusammenhält.

Mein nüchterner Verdacht lautet so. Das Gehirn erzeugt im Theta-Zustand eine reiche, zusammenhängende innere Welt. Diese Welt fühlt sich fremd und eigenständig an, weil der planende Verstand zurückgetreten ist und die Bilder sich frei entfalten. Du erlebst sie dann wie einen Ort, den du betrittst, und kaum noch als deine eigene Erfindung. Genau dieser Eindruck führt seit Jahrtausenden dazu, dass Menschen von realen anderen Welten sprechen. Es braucht dafür keine übernatürliche Erklärung. Es reicht ein Gehirn in Trance, das hervorragend darin ist, Welten zu bauen.

Das soll die Sache überhaupt nicht kleinreden. Ich finde es eher beeindruckend. Wir tragen alle die Fähigkeit in uns, mit einem simplen Rhythmus und geschlossenen Augen in eine ganze Landschaft hineinzugehen. Das ist eine erstaunliche Eigenschaft des menschlichen Geistes, und sie wird kein bisschen kleiner, wenn man sie nüchtern erklärt.

Warum ich die Tradition trotzdem ernst nehme

Jetzt könnte man meinen, ich würde den Schamanismus damit als blossen Selbstbetrug abtun. Das tue ich ausdrücklich nicht. Ich komme selbst aus dieser Ecke, und ich habe zu viel Respekt vor dem, was diese Traditionen über Jahrtausende entwickelt haben.

Bedenk einmal, was die Menschen hier geschafft haben. Lange bevor es Hirnforschung oder Schlaflabore gab, haben Kulturen rund um die Welt eine zuverlässige Methode gefunden, um einen ganz bestimmten Bewusstseinszustand hervorzurufen. Der monotone Trommelschlag im richtigen Tempo, die geschlossenen Augen, die innere Reise, das ist eine ausgefeilte Technik. Dass völlig unabhängige Kulturen auf sehr ähnliche Mittel gekommen sind, sagt mir, dass da etwas Reales und Wiederholbares am Werk ist. Sie haben die Tür gefunden, lange bevor jemand sie messen konnte.

Die Deutung, die sie ihren Erfahrungen gegeben haben, ist Teil ihrer Kultur und ihres Weltbildes, und sie verdient Respekt, auch wenn ich sie nicht teile. Ich lehne nicht den Schamanismus ab. Mich stört der billige Hokuspokus, der heute oft drumherum verkauft wird. Manche Seminare versprechen dir für viel Geld, deine Seele in andere Dimensionen zu schicken. Das ist eine ganz andere Sache als eine alte, ernst gemeinte Praxis.

Meine Haltung ist also doppelt. Ich nehme die Methode ernst, weil sie funktioniert und weil sie alt und durchdacht ist. Bei der übernatürlichen Deutung bleibe ich skeptisch, weil ich nichts behaupten will, was ich nicht weiss. Das eine schliesst das andere nicht aus. Man kann eine Technik bewundern und ihre mythische Erklärung trotzdem in der Schwebe lassen.

Was du davon mitnehmen kannst

Wenn dich diese inneren Reisen reizen, kannst du sie ruhig ausprobieren, ganz ohne dass du an Geister glauben musst. Such dir eine gute Trommelaufnahme im passenden Rhythmus, leg dich hin und sieh, was geschieht. Im schlimmsten Fall hast du fünfzehn Minuten tief entspannt, und das ist auch nicht das Schlechteste. Im besten Fall öffnet sich dir eine erstaunlich lebhafte innere Welt.

Behandle das Ganze am Anfang wie ein Experiment mit deinem eigenen Kopf. Geh ohne grosse Erwartung hinein und schau einfach, was sich zeigt. Manche sehen sofort klare Bilder, andere brauchen mehrere Anläufe, bis sich etwas regt. Das ist genau wie beim luziden Träumen, wo auch nicht jede Nacht sofort zündet. Wenn beim ersten Mal wenig passiert, ist das kein Versagen. Es ist völlig normal.

Und falls du ohnehin schon mit dem luziden Träumen übst, hast du hier einen schönen Brückenschlag. Die schamanische Reise trainiert genau die Fähigkeit, die du auch beim Einschlafen brauchst, nämlich die Aufmerksamkeit ruhig nach innen zu halten, während die Bilder kommen. Wer den einen Zustand kennt, findet leichter in den anderen. Für mich gehören sie ohnehin zusammen, weil sie aus demselben Brunnen schöpfen.

Am Ende lande ich bei derselben Haltung wie immer bei diesen Themen. Ich nehme das Erlebnis voll und ganz an, weil es im Erleben real ist. Es gehört zu den eindrücklichsten Dingen, die ein Mensch in seinem eigenen Kopf erzeugen kann. Die grosse Deutung dahinter lasse ich offen. Das kostet mich nichts, und es lässt mir die Freiheit, neugierig zu bleiben, ohne die Bodenhaftung zu verlieren. Die schamanische Reise ist für mich genau das, eine echte Trance und kein Hokuspokus. Sie ist ein weiterer Beweis dafür, wie reich die Welt hinter unseren geschlossenen Augen ist.