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Träumen blinde Menschen?

Mythen11 Min. Lesezeit

Träumen blinde Menschen?

Träumen blinde Menschen wirklich? Ja, aber nicht alle in Bildern. Ich erkläre, wie geburtsblinde und später erblindete Menschen träumen und was uns das über Träume verrät.

Vor ein paar Wochen sass ich mit einem alten Schulkollegen in einer Bar, der seit einem Unfall vor etwa zehn Jahren blind ist. Irgendwann landeten wir beim Thema Schlaf, und ich fragte ihn, fast ein bisschen verlegen, ob er denn noch träume. Er lachte und sagte: klar träume ich. Und dann erzählte er mir etwas, das mich seither nicht mehr loslässt. In seinen ersten Jahren nach dem Unfall habe er noch ganz normal in Bildern geträumt, mit Farben und Gesichtern. Heute sei das fast weg. Seine Träume bestünden inzwischen vor allem aus Stimmen, aus dem Gefühl von Bewegung, aus Gerüchen sogar. Ich sass da mit meinem Bier und merkte, dass ich gerade etwas Grundlegendes über Träume gelernt hatte, ohne selbst je blind gewesen zu sein.

In diesem Artikel gehe ich genau dieser Frage nach. Ich zeige dir, was die Forschung über die Träume blinder Menschen weiss, und ich trenne dabei klar, was gut belegt ist und was Vermutung bleibt. Am Ende wirst du sehen, dass diese eine Frage erstaunlich viel darüber verrät, wie Träume überhaupt entstehen.

Träumen blinde Menschen? Die klare Antwort vorweg

Fangen wir mit dem Wichtigsten an, damit du nicht bis zum Schluss warten musst. Ja, blinde Menschen träumen. Das ist gut untersucht und steht ausser Frage. Wer blind ist, hat genauso Schlafphasen wie jeder andere, inklusive des REM-Schlafs, in dem die lebhaftesten Träume passieren. Am Träumen selbst ändert die Blindheit also überhaupt nichts.

Was sich ändert, ist der Inhalt. Und hier wird es spannend. Nicht jeder blinde Mensch träumt in Bildern. Ob jemand visuelle Träume hat oder nicht, hängt vor allem davon ab, wann die Blindheit eingetreten ist. Das ist der entscheidende Punkt, und um ihn dreht sich fast alles, was dieses Thema so lehrreich macht.

Grob gesagt gibt es zwei Gruppen, die man auseinanderhalten muss. Da sind die Menschen, die später im Leben erblindet sind, nachdem sie schon sehen konnten. Und da sind die Menschen, die von Geburt an blind sind oder es schon als ganz kleines Kind wurden. Diese beiden Gruppen träumen unterschiedlich, und genau dieser Unterschied ist der Schlüssel zur ganzen Frage.

Wer später erblindet, träumt oft noch in Bildern

Schauen wir uns zuerst die Gruppe an, zu der mein Schulkollege gehört. Wer als sehender Mensch aufgewachsen ist und erst später erblindet, hat ein Gehirn, das das Sehen kennt. Es hat jahrelang Bilder verarbeitet, Gesichter gespeichert, Farben erlebt. Dieses ganze visuelle Material ist im Kopf vorhanden, auch wenn die Augen nicht mehr funktionieren.

Genau deshalb träumen viele später erblindete Menschen am Anfang noch ganz normal in Bildern. Im Traum greift das Gehirn auf den alten Vorrat zurück. Es zeigt Szenen, Personen und Orte, so wie es das früher getan hat. Für die betroffene Person kann das ein seltsamer Trost sein, weil sie im Traum noch sieht, was sie im Wachen verloren hat. Das ist mehr als eine schöne Geschichte, denn es deckt sich gut mit dem, was die Forschung beobachtet.

Interessant wird es mit der Zeit. Diese visuellen Träume verblassen oft, je länger die Blindheit dauert. Mein Kollege beschrieb es genau so. In den ersten Jahren waren die Bilder noch da, dann wurden sie blasser, und heute sind sie fast verschwunden. Die Forschung sieht hier kein hartes Datum. Es geht eher um einen langsamen Übergang. Wer als Erwachsener spät erblindet, behält die Bilder im Traum oft länger. Wer als Kind erblindet, verliert sie eher.

Warum verblassen die Bilder überhaupt? Hier muss ich einräumen, dass wir es nicht restlos sicher wissen. Eine plausible Erklärung ist, dass das Gehirn frisches visuelles Material braucht, um die Bildwelt im Traum lebendig zu halten. Ohne neuen Nachschub durch die Augen verblasst der alte Vorrat allmählich, ähnlich wie eine Erinnerung an ein Gesicht, das du seit zwanzig Jahren nicht gesehen hast. Die Szene wird unschärfer, die Details fallen weg. Bewiesen ist diese Deutung nicht, aber sie passt gut zu dem, was wir sonst über Erinnerung und Träume wissen.

Geburtsblinde träumen ohne Bilder, dafür umso intensiver

Jetzt kommen wir zur zweiten Gruppe, und die ist für mich die faszinierendste. Menschen, die von Geburt an blind sind oder es als Säugling wurden, haben nie sehen gelernt. Ihr Gehirn hat schlicht nie Bilder verarbeitet. Es gibt keinen visuellen Vorrat, auf den ein Traum zurückgreifen könnte. Und genau das zeigt sich auch in ihren Träumen.

Geburtsblinde Menschen träumen, soweit wir wissen, nicht in Bildern. Das fällt vielen sehenden Menschen schwer vorzustellen, weil unsere eigenen Träume so stark vom Sehen geprägt sind. Aber für jemanden, der das Sehen nie kannte, ist das überhaupt nicht seltsam. Der Traum baut einfach auf dem auf, was das Gehirn an Sinnesmaterial besitzt. Und das ist bei geburtsblinden Menschen die ganze übrige Welt der Sinne.

Ihre Träume sind dafür erstaunlich reich an anderen Eindrücken. Sie hören Stimmen, Geräusche und Musik. Sie fühlen Berührungen, Oberflächen und Bewegung. Sie riechen und schmecken im Traum, und zwar deutlich häufiger, als das bei sehenden Menschen vorkommt. Wo bei mir ein Traum vor allem ein Film ist, ist er bei einem geburtsblinden Menschen eher ein dichtes Gewebe aus Klang, Tastsinn, Geruch und Gefühl. Die Emotionen sind oft ebenso stark wie bei sehenden Träumern, manchmal noch stärker.

Es gibt dazu eine Beobachtung, die ich richtig spannend finde. Forscher haben blinde und sehende Menschen während des Schlafs untersucht und festgestellt, dass geburtsblinde Menschen im Schlaf andere Muster zeigen. Bei sehenden Menschen bewegen sich im REM-Schlaf die Augen, und man nimmt an, dass das mit dem Betrachten der Traumbilder zusammenhängt. Bei geburtsblinden Menschen sind diese typischen Augenbewegungen schwächer ausgeprägt oder fehlen. Das passt perfekt zur Idee, dass sie im Traum eben nichts anschauen, weil es nichts zu sehen gibt.

Ich will hier aber sauber bleiben. Diese Befunde stammen aus relativ kleinen Untersuchungen, denn geburtsblinde Menschen sind selten, und solche Studien sind aufwendig. Die grobe Richtung gilt als gesichert, die feinen Details bleiben offen. Wenn dir also jemand mit absoluter Sicherheit erzählt, wie genau ein geburtsblinder Mensch träumt, dann übertreibt er ein wenig. Wir kennen das Muster, nicht jedes Detail.

Was uns das über Träume allgemein verrät

Jetzt kommt der Teil, der mich an dieser ganzen Frage am meisten packt. Die Träume blinder Menschen sind nämlich weit mehr als eine Kuriosität. Sie sind ein Fenster in die Frage, woraus Träume eigentlich gemacht sind. Und die Antwort, die sich daraus ergibt, ist überraschend klar.

Träume bauen auf dem auf, was das Gehirn an Sinnesmaterial hat. Das ist die grosse Lehre. Dein Gehirn erfindet im Traum keine völlig neuen Sinne aus dem Nichts. Es arbeitet mit dem, was es kennt und gespeichert hat. Wer sehen kann, träumt vor allem in Bildern, weil sein Kopf voll von visuellem Material ist. Wer nie sehen konnte, träumt in Klang und Berührung, weil das sein gespeichertes Material ist. Der Traum ist also kein freies Fantasieren. Er ist eine Neukombination von dem, was schon da ist.

Das deckt sich erstaunlich gut mit einer der nüchternen Theorien zur Frage, warum wir überhaupt träumen. Wenn der Traum im Kern eine Geschichte ist, die das Gehirn aus dem vorhandenen Material zusammenbaut, dann muss dieses Material logischerweise je nach Mensch verschieden sein. Genau das sehen wir bei blinden Menschen. Wer tiefer in die verschiedenen Erklärungsmodelle einsteigen will, findet bei mir einen ganzen Artikel dazu, wie Träume entstehen, und einen weiteren zur grösseren Frage, was Träume überhaupt sind.

Es gibt noch eine zweite Lehre, die mir fast genauso wichtig ist. Träumen ist nicht an das Sehen gebunden. Wir sehenden Menschen halten den Traum oft für etwas zutiefst Visuelles, weil unsere eigenen Träume so aussehen. Aber das ist nur unsere Perspektive. Der Traum als solcher ist etwas viel Allgemeineres, eine innere Erfahrung, die jede Sinnesart annehmen kann. Das Sehen ist bei uns bloss die lauteste Stimme im Chor. Bei einem geburtsblinden Menschen singen die anderen Stimmen das Lied genauso schön zu Ende.

Die Sache mit dem Vorstellungsvermögen

Eng damit verbunden ist eine Frage, die oft missverstanden wird. Viele Menschen denken, ein geburtsblinder Mensch könne sich gar nichts vorstellen. Das stimmt so nicht. Er kann sich nur nichts Visuelles vorstellen, weil ihm dafür die Erfahrung fehlt. Sein Vorstellungsvermögen arbeitet in den Sinnen, die er kennt. Er kann sich den Klang eines Raumes vorstellen, das Gefühl einer Treppe unter den Füssen, die Wärme der Sonne im Gesicht. Diese Vorstellungen sind genauso lebendig wie meine visuellen, nur eben in einer anderen Sinneswelt.

Im Traum passiert dann genau das im Grossen. Das Gehirn nimmt diese nicht visuellen Vorstellungen und webt daraus eine ganze Szene. Es entsteht eine vollständige Welt, in der man sich bewegt, mit Menschen spricht und Dinge erlebt, nur eben ohne das Bild. Für einen sehenden Menschen ist das schwer zu fassen, ein bisschen wie eine Farbe, die man noch nie gesehen hat. Aber es ist eine völlig vollständige und reiche Erfahrung, da bin ich mir nach dem Gespräch mit meinem Kollegen ganz sicher.

Ein häufiges Missverständnis aus dem Weg räumen

Es gibt zu diesem Thema einen Mythos, der sich hartnäckig hält, und den will ich kurz geradebiegen. Manche Menschen glauben, blinde Menschen würden gar nicht träumen, weil sie ja nichts sehen können. Dahinter steckt die Annahme, ein Traum sei dasselbe wie ein Bild. Diese Gleichsetzung ist der ganze Fehler. Sobald du verstehst, dass ein Traum auch aus Klang, Gefühl und Geruch bestehen kann, fällt der Mythos in sich zusammen.

Genauso falsch ist die umgekehrte Annahme, blinde Menschen würden alle in Bildern träumen, einfach weil Träume nun mal Bilder seien. Wie du jetzt weisst, hängt das ganz davon ab, ob und wann jemand sehen konnte. Beide Extreme sind Halbwissen. Die Wahrheit liegt in der Mitte und ist viel interessanter als jedes der beiden Klischees.

Ich finde solche Mythen rund ums Träumen aus einem bestimmten Grund spannend. Sie zeigen, wie sehr wir von unserer eigenen Erfahrung auf alle anderen schliessen. Weil mein Traum ein Film ist, gehe ich automatisch davon aus, dass jeder Traum ein Film sein muss. Die Träume blinder Menschen sind eine schöne Erinnerung daran, dass das Erleben anderer Menschen ganz anders aussehen kann als mein eigenes. Wenn dich solche Denkfehler rund ums Schlafen und Träumen interessieren, lohnt sich der Blick in meine Sammlung an Mythen, wo ich noch einige andere davon auseinandernehme.

Was das mit dem Klarträumen zu tun hat

Du fragst dich vielleicht, was diese ganze Frage mit meinem eigentlichen Thema zu tun hat, dem luziden Träumen. Mehr, als du denkst. Denn die Erkenntnis, dass Träume auf dem vorhandenen Sinnesmaterial aufbauen, ist auch fürs Klarträumen ziemlich nützlich.

Wenn du luzid wirst, also im Traum merkst, dass du träumst, kannst du den Traum bewusst gestalten. Und das funktioniert am besten mit Sinnen, die du gut kennst und vorstellen kannst. Bei mir ist das Sehen die stärkste Karte, also baue ich meine Szenen vor allem visuell auf. Aber ich habe über die Jahre gemerkt, dass die anderen Sinne mindestens so wichtig sind, um einen Traum stabil und lebendig zu halten. Der Wind auf der Haut beim Fliegen, der Geschmack von seltsamem Traumessen, das Geräusch einer Strasse, all das macht den Traum erst rund.

Hier zahlt sich übrigens das Traumtagebuch wieder aus, das ich für den Einstieg so wichtig finde. Wenn du deine Träume aufschreibst, achte ruhig einmal bewusst darauf, welche Sinne darin vorkommen. Du wirst überrascht sein, wie viel mehr als nur Bilder in deinen Träumen steckt, sobald du anfängst, darauf zu achten. Geräusche, Berührungen, Gerüche, Gefühle. Dieses genaue Hinschauen schärft deine Traumerinnerung, und wie du diese Gewohnheit aufbaust, beschreibe ich ausführlich im Einstieg ins luzide Träumen.

Mein Kollege aus der Bar hat mir am Ende des Abends übrigens eine Frage gestellt, die ich nicht beantworten konnte. Er wollte wissen, ob ein geburtsblinder Mensch luzid werden und dann das Sehen lernen könne, einfach indem er es im Traum versucht. Ich musste passen. Mein Bauchgefühl sagt, dass es schwierig bis unmöglich ist, weil das Gehirn dafür kein Material hätte, aus dem es ein Bild bauen könnte. Aber ich weiss es schlicht nicht, und ich misstraue jeder schnellen Antwort darauf. Es ist eine dieser offenen Fragen, die mir das Thema so lieb machen.

Mein Fazit zur Frage, ob blinde Menschen träumen

Wenn du nur eine Sache aus diesem Text mitnimmst, dann diese. Blinde Menschen träumen, ohne jede Ausnahme. Was sich unterscheidet, ist nicht das Ob. Es ist das Wie. Wer später erblindet, träumt anfangs oft noch in Bildern, die mit der Zeit verblassen. Wer von Geburt an blind ist, träumt ganz ohne Bilder, dafür umso reicher in Klang, Berührung, Geruch und Gefühl.

Dahinter steht eine einfache und schöne Wahrheit. Träume bauen auf dem auf, was das Gehirn an Sinnesmaterial besitzt. Sie erfinden keine neue Welt aus dem Nichts, sie kombinieren neu, was schon da ist. Das macht die Träume blinder Menschen zu einem der besten Lehrstücke überhaupt, wenn man verstehen will, woraus Träume gemacht sind.

Für mich bleibt am Ende vor allem das Bild von meinem Kollegen in der Bar. Dieser Mensch sieht im Wachen nichts mehr, und trotzdem hat er nachts eine ganze, lebendige Welt, voller Stimmen und Bewegung und Gefühl. Das hat mir mehr Respekt vor dem Traum eingeflösst als jede Theorie. Unser Gehirn baut uns jede Nacht eine eigene Wirklichkeit, und es tut das mit allem, was es hat. Ob mit Bildern oder ohne, das Wunder bleibt dasselbe.