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Träumt man in Farbe oder Schwarz-Weiss?

Mythen11 Min. Lesezeit

Träumt man in Farbe oder Schwarz-Weiss?

Träumt man in Farbe oder Schwarz-Weiss? Ich erkläre, warum die meisten Menschen in Farbe träumen und was das alte Schwarz-Weiss-Fernsehen damit zu tun hat.

Vor ein paar Wochen wurde ich aus einem Klartraum gerissen, in dem ich über einem Markt geflogen bin. Was mir danach im Bett am stärksten hängen blieb, war eine einzige Marktbude voller Orangen. Dieses satte, fast leuchtende Orange. Ich konnte es noch sekundenlang vor mir sehen, bevor es verblasste. Genau in diesem Moment fiel mir ein, wie oft mich Leute fragen, ob man eigentlich in Farbe träumt oder in Schwarz-Weiss. Und ich lag da und dachte, also bitte, ich habe gerade Orangen gesehen, die bunter waren als alles in meiner Wohnung. Schwarz-Weiss war da gar nichts.

In diesem Artikel räume ich mit dem Schwarz-Weiss-Mythos auf. Ich zeige dir, was die Forschung dazu sagt, warum frühere Generationen das tatsächlich anders erlebten und warum so viele Menschen bei der Frage ins Grübeln kommen. Am Ende verknüpfe ich das Ganze mit dem Klarträumen, weil meine eigenen Farberlebnisse im Traum die deutlichsten sind, die ich kenne.

Träumt man in Farbe? Die kurze Antwort zuerst

Fangen wir mit der wichtigsten Aussage an, damit du nicht bis zum Schluss warten musst. Die grosse Mehrheit der Menschen träumt in Farbe. Wenn du Studien anschaust, in denen Leute direkt nach dem Aufwachen befragt werden, berichten die allermeisten von farbigen Träumen. Reine Schwarz-Weiss-Träume sind die Ausnahme, nicht die Regel.

Das deckt sich auch mit meiner eigenen Erfahrung aus über fünfzehn Jahren mit dem Thema. Ich habe noch nie einen Traum gehabt, von dem ich mit Sicherheit sagen würde, er war komplett grau. Im Gegenteil, gerade in Klarträumen sind die Farben oft kräftiger als im Wachleben. Diese Orangen vom Markt sind ein gutes Beispiel. So leuchtend bekomme ich das tagsüber selten hin.

Trotzdem hält sich der Glaube an Schwarz-Weiss-Träume hartnäckig. Das hat einen handfesten Grund, und der ist eine der spannendsten kleinen Geschichten der Traumforschung. Es geht dabei weniger um dein Gehirn. Viel wichtiger ist die Technik, mit der du aufgewachsen bist. Ich gehe der Sache jetzt Schritt für Schritt nach.

Warum dieser Mythos überhaupt entstand

Wenn die meisten von uns in Farbe träumen, woher kommt dann die Idee mit dem Schwarz-Weiss? Diese Vorstellung tauchte nicht aus dem Nichts auf. Es gab tatsächlich eine Zeit, in der viele Menschen ernsthaft glaubten, sie würden grau träumen, und sie hatten dafür sogar einen scheinbaren Beleg, nämlich ihre eigene Erinnerung.

Mitte des letzten Jahrhunderts gab es Befragungen, bei denen ein erstaunlich grosser Teil der Leute angab, in Schwarz-Weiss zu träumen. Manche Untersuchungen aus jener Zeit kamen auf Werte, bei denen ein grosser Anteil der Befragten farblose Träume meldete. Für die damalige Forschung war das ein normaler Befund. Man nahm schlicht an, dass Träume eben oft grau sind, und gut war.

Heute sehen die Zahlen ganz anders aus. Frag eine junge Person von heute, und du bekommst fast immer farbige Träume zu hören. Irgendwann zwischen damals und heute hat sich also etwas verändert. Und das ist der entscheidende Punkt, denn das menschliche Gehirn hat sich in diesen wenigen Jahrzehnten ganz sicher nicht umgebaut. Es muss etwas anderes gewesen sein, das die Antworten so stark verschoben hat.

Was das Schwarz-Weiss-Fernsehen damit zu tun hat

Jetzt kommt der Teil, den ich richtig elegant finde. Die beste Erklärung für diesen Wandel hat mit den Bildschirmen zu tun, mit denen eine Generation aufgewachsen ist. Genauer gesagt mit dem Schwarz-Weiss-Fernsehen und dem alten Schwarz-Weiss-Kino, die für viele Menschen jahrzehntelang das Fenster zu Geschichten und bewegten Bildern waren.

Überleg mal, was für eine Person das bedeutete, die in einer Welt aufwuchs, in der bewegte Bilder fast immer grau waren. Das Kino war grau, das Fernsehen war grau, und wenn man von einer erzählten, traumartigen Bildwelt sprach, dann meinte man im Kopf etwas Graues. Diese Menschen hatten ihr ganzes Leben lang Geschichten in Schwarz-Weiss konsumiert, und genau so dachten sie auch über ihre nächtlichen Bilder.

Forscher haben daraus eine ziemlich überzeugende Erklärung gebaut. Die Medien, mit denen wir aufwachsen, prägen offenbar, wie wir uns an unsere Träume erinnern und wie wir über sie sprechen. Wer mit grauen Bildschirmen gross wurde, ordnete seine Traumerinnerung unbewusst in dieses graue Raster ein. Wer dagegen mit Farbfernsehen aufwuchs, erinnert seine Träume bunt. Die Generation entscheidet mit, welche Farbe das Traumgedächtnis annimmt.

Der Beleg dafür ist verblüffend einfach

Das Schöne an dieser Theorie ist, dass sie sich überprüfen lässt, und genau das wurde gemacht. Man hat Menschen unterschiedlichen Alters zu ihren Träumen befragt und dabei besonders auf jene geschaut, die früh viel mit Schwarz-Weiss-Medien zu tun hatten. Und siehe da, gerade ältere Menschen, die in ihrer Kindheit fast nur graue Bildschirme kannten, berichteten deutlich häufiger von Schwarz-Weiss-Träumen als jüngere.

Noch interessanter wird es bei jenen, die in der Übergangszeit aufwuchsen. Manche Untersuchungen deuten darauf hin, dass der Anteil der Schwarz-Weiss-Träume genau mit der Verbreitung des Farbfernsehens zurückging. Je bunter die Bildschirme der Kindheit, desto bunter die erinnerten Träume. Das ist kein Zufall mehr, das ist ein Muster, und es passt wie die Faust aufs Auge.

Damit ist die Sache für mich ziemlich klar. Die Schwarz-Weiss-Träume früherer Generationen waren kein Beweis dafür, dass Menschen damals anders träumten. Sie waren ein Abbild der Medienwelt jener Zeit. Wer mehr über solche populären Annahmen und ihre wahren Hintergründe lesen will, findet bei mir eine ganze Sammlung an Mythen rund ums Träumen.

Warum so viele unsicher sind, ob sie farbig träumen

Selbst wenn du heute aufwächst und ganz sicher in Farbe träumst, kann es dir passieren, dass du bei der Frage zögerst. Vielleicht hast du dich selbst schon dabei ertappt. Du erinnerst dich an einen Traum, weisst noch ungefähr, was passiert ist, aber bei der Farbe wirst du plötzlich unsicher. War das jetzt bunt oder eher blass? Diese Unsicherheit hat einen guten Grund, und sie hat nichts damit zu tun, dass dein Traum wirklich grau war.

Der Grund ist die Flüchtigkeit der Traumerinnerung. Träume verblassen unglaublich schnell, sobald du aufwachst. Und die Details, die am schnellsten verschwinden, sind oft genau die feinen Eindrücke wie Farben, Töne und Gerüche. Was am längsten bleibt, ist der grobe Ablauf der Geschichte, also wer dabei war und was geschah. Die satten Farben dagegen rinnen dir innerhalb von Sekunden durch die Finger.

Das heisst, du hast den Traum vielleicht in voller Farbe erlebt, aber beim Aufwachen ist die Farbinformation als Erstes weg. Übrig bleibt ein blasses Gerüst der Erinnerung, und wenn dich dann jemand nach der Farbe fragt, kannst du es schlicht nicht mehr sagen. Diese Lücke ist es, die viele Menschen fälschlich als Beweis für farblose Träume deuten. Dabei ist sie nur ein Beweis dafür, wie schlecht wir uns an Träume erinnern.

Wenn du genau wissen willst, warum diese Erinnerung so schnell zerfällt, lohnt sich ein eigener Blick darauf. Ich habe dem ganzen Thema einen ausführlichen Text gewidmet, in dem ich erkläre, warum wir uns so schwer an Träume erinnern und was du dagegen tun kannst. Du findest ihn unter warum man sich nicht an Träume erinnert.

Wie das Auge im Traum eigentlich Farbe sieht

Hier wird es noch eine Spur faszinierender, denn die Frage nach der Farbe rührt an etwas Grundsätzliches. Wie kann dein Gehirn dir nachts überhaupt Farben zeigen, wenn deine Augen geschlossen sind und gar kein Licht hereinkommt? Die kurze Antwort lautet, dass dein Sehen viel weniger von den Augen abhängt, als du denkst.

Sehen passiert nämlich nicht im Auge. Es entsteht im Gehirn. Das Auge fängt nur das Licht ein und schickt Signale weiter. Die eigentliche Arbeit, also das Zusammensetzen von Farben, Formen und ganzen Bildern, erledigt dein Gehirn. Und dieses Gehirn kann dieselben Bereiche auch ohne Licht aktivieren. Im Traum spielt es das Sehen quasi aus dem Gedächtnis nach und erzeugt dabei genau die Farben, die es auch im Wachen produziert.

Deshalb ist es eigentlich gar nicht überraschend, dass wir bunt träumen. Es wäre viel merkwürdiger, wenn das Gehirn nachts plötzlich auf Grau umschalten würde, obwohl es tagsüber die ganze Farbpalette beherrscht. Wer über solche Mechanismen mehr lesen will, wie das Gehirn überhaupt diese ganzen nächtlichen Bilderwelten zusammenbaut, findet bei mir einen eigenen Text dazu, nämlich was Träume eigentlich sind.

Was gesichert ist und was Spekulation bleibt

Wie immer bei diesen Themen will ich klar trennen, was wir wirklich wissen und wo wir uns auf dünnerem Eis bewegen. Das schützt dich vor dem ganzen Halbwissen, das beim Thema Träume herumschwirrt, und es ist mir wichtiger als jede schöne Geschichte.

Gut gesichert ist, dass die grosse Mehrheit der Menschen heute in Farbe träumt und das auch berichtet, wenn man sie direkt nach dem Aufwachen befragt. Gut gesichert ist auch, dass ältere Befragungen deutlich höhere Anteile an Schwarz-Weiss-Träumen ergaben als heutige. Und es gibt solide Hinweise darauf, dass dieser Unterschied mit der Medienwelt der jeweiligen Kindheit zusammenhängt. So weit stehen wir auf festem Boden.

Wo es spekulativer wird, ist die genaue Mechanik dahinter. Ob das Schwarz-Weiss-Fernsehen das tatsächliche Träumen veränderte oder nur die Erinnerung daran und die Art, wie Menschen darüber sprachen, ist nicht restlos geklärt. Meine eigene Vermutung geht klar in Richtung Erinnerung. Ich glaube, diese Menschen träumten genauso bunt wie wir, deuteten und erinnerten ihre Träume aber durch die graue Brille ihrer Mediengewohnheiten. Beweisen kann ich das nicht, aber es ist die Erklärung, die für mich am meisten Sinn ergibt.

Vorsichtig wäre ich auch bei pauschalen Zahlen. Du wirst online Prozentangaben finden, die so tun, als sei alles haargenau vermessen. Solche Werte schwanken aber stark, je nachdem, wie und wann man fragt. Die grobe Richtung stimmt, das Detail solltest du mit einer Prise Skepsis nehmen. Genau diese Skepsis ist es, die einen klaren Kopf vom esoterischen Nebel trennt.

Wenige Menschen träumen wirklich grauer

Damit ich fair bleibe, gehört noch ein Punkt dazu. Es gibt tatsächlich einen kleinen Teil der Menschen, der konsequent von Schwarz-Weiss-Träumen oder von eher blassen, farbarmen Träumen berichtet. Das ist selten, aber es kommt vor, und es ist nichts, worüber man sich Sorgen machen muss.

Bei den meisten dieser Fälle steckt vermutlich wieder die Erinnerung dahinter, oder es handelt sich um ältere Menschen aus der Schwarz-Weiss-Generation. Es ist aber auch denkbar, dass manche Gehirne die Farbinformation im Traum schlicht schwächer abrufen oder weniger stark in der Erinnerung verankern. Menschen sind unterschiedlich, und das gilt für das Träumen genauso wie für alles andere.

Wenn du also zu den wenigen gehörst, die ihre Träume eher blass in Erinnerung haben, ist das völlig in Ordnung. Es bedeutet nicht, dass mit dir etwas nicht stimmt, und es hält dich auch nicht vom Klarträumen ab. Im Gegenteil, gerade beim luziden Träumen kannst du die Farben deutlich intensiver erleben, und genau da kommt der spannendste Teil.

Was das fürs Klarträumen bedeutet

Jetzt wird es praktisch, denn die Farbfrage hat einen handfesten Nutzen, wenn du luzid träumen willst. Sobald du im Traum bemerkst, dass du träumst, schärfen sich deine Sinne oft schlagartig. Und dazu gehören vor allem die Farben. In meinen klarsten Träumen ist die Welt nicht blasser als die echte, sie ist bunter und lebendiger.

Diese gesteigerte Farbwahrnehmung kannst du dir sogar zunutze machen. Wenn du im Traum bewusst auf etwas Farbiges schaust, etwa auf eine Blume, eine Frucht oder den Himmel, dann stabilisiert das die ganze Szene. Du verankerst dich in der Welt, statt aus ihr herauszufallen. Meine leuchtenden Markt-Orangen waren genau so ein Moment. Ich habe mich an dieser Farbe festgehalten und bin dadurch länger im Traum geblieben.

Es gibt noch einen schönen Bonus für deinen Realitätscheck. Wenn dir tagsüber etwas auffällig bunt oder seltsam farbig vorkommt, kann das ein guter Anlass sein, kurz innezuhalten und nachzuprüfen, ob du gerade träumst. Du gewöhnst dir an, Farben bewusst wahrzunehmen, und genau diese Gewohnheit nimmst du mit in den Traum. Dort kann sie der Auslöser sein, der dich luzid werden lässt.

Vom Mythos zum eigenen Erlebnis

Am Ende ist das für mich das Beste an der ganzen Sache. Du musst die Forschung zu Schwarz-Weiss-Träumen nicht glauben, du kannst es selbst herausfinden. Sobald du anfängst, deine Träume aufzuschreiben und dich besser an sie zu erinnern, wirst du merken, wie viel Farbe darin steckt. Und sobald du luzid wirst, siehst du es mit voller Wucht.

Der erste Schritt dahin ist immer derselbe, nämlich das Traumtagebuch. Du schreibst jeden Traum sofort nach dem Aufwachen auf, am besten mit Stift und Papier, bevor die Farben verfliegen. Mit der Zeit wirst du mehr Details festhalten, auch die feinen Farbeindrücke, die sonst sofort verschwinden. Wie du das richtig aufziehst, beschreibe ich ausführlich im Einstieg ins luzide Träumen.

Mein Fazit zur Farbfrage

Wenn du nur eine Sache aus diesem Text mitnimmst, dann diese. Die allermeisten Menschen träumen in Farbe, du höchstwahrscheinlich auch. Der alte Glaube an Schwarz-Weiss-Träume war kein Befund über das Gehirn. Er war ein Spiegel der Bildschirme, vor denen eine Generation gross geworden ist.

Dass so viele bei der Frage trotzdem unsicher werden, liegt an unserer flüchtigen Traumerinnerung. Die Farben sind das Erste, was beim Aufwachen verloren geht, und genau diese Lücke wird oft mit grauen Träumen verwechselt. In Wahrheit erlebst du nachts eine bunte Welt, du verlierst sie nur, bevor du sie richtig festhalten kannst.

Für mich ist die schönste Erkenntnis ohnehin, dass ich die Antwort jede Nacht selbst überprüfen kann. Ich muss keiner Studie glauben, wenn ich im Klartraum über einen Markt fliege und Orangen sehe, die bunter leuchten als alles in meiner Wohnung. Solange mein Gehirn mir solche Farben zeigt, ist die Frage nach Schwarz-Weiss für mich längst beantwortet.