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Träumt man wirklich jede Nacht?

Mythen12 Min. Lesezeit

Träumt man wirklich jede Nacht?

Träumt man jede Nacht? Ja, jeder gesunde Mensch träumt jede Nacht, auch ohne Erinnerung. Warum der Satz "Ich träume nie" ein Erinnerungsproblem beschreibt, und was du dagegen tun kannst.

Letztens sass ich mit einem Kollegen beim Kaffee, und das Gespräch landete beim Träumen. Er winkte sofort ab. Er träume gar nicht, sagte er, noch nie, schon sein ganzes Leben lang nicht. Und er sagte das mit einer Überzeugung, als würde er mir erklären, dass er keine Tattoos hat. Ich musste grinsen, weil ich diesen Satz schon hundertmal gehört habe. Ich habe ihm dann erzählt, was im Schlaflabor passiert, wenn man genau solche Leute mitten in der Nacht weckt. Er war ziemlich verblüfft, als ich fertig war. Genau diese Geschichte erzähle ich dir jetzt auch.

Denn die Sache ist die: Mein Kollege träumt jede einzige Nacht, mehrmals sogar. Er erinnert sich bloss nicht daran. Und das ist ein riesiger Unterschied, gerade wenn du irgendwann luzid träumen möchtest. In diesem Artikel zeige ich dir, warum jeder gesunde Mensch jede Nacht träumt, woher wir das so sicher wissen, und warum der Satz “Ich träume nie” eigentlich etwas ganz anderes beschreibt, als die meisten denken.

Träumt man jede Nacht? Die klare Antwort

Fangen wir mit dem Wichtigsten an, ohne Umschweife. Ja, du träumst jede Nacht. Die Frage “träumt man jede Nacht” lässt sich für gesunde Menschen ziemlich eindeutig beantworten, und die Antwort lautet: praktisch immer. Es ist eine der wenigen Sachen rund ums Träumen, bei denen die Forschung wirklich Klartext reden kann.

Dein Schlaf läuft in Zyklen ab, die sich die ganze Nacht über wiederholen. Jeder dieser Zyklen dauert grob anderthalb Stunden, und an seinem Ende steht eine REM-Phase. REM steht für “Rapid Eye Movement”, weil sich deine Augen unter den geschlossenen Lidern schnell hin und her bewegen. In genau dieser Phase passieren die lebhaftesten Träume. Und weil du pro Nacht vier bis sechs solcher Zyklen durchläufst, landest du auch vier bis sechs Mal in einer Traumphase.

Das heisst, selbst wenn du steif und fest behauptest, du würdest nie träumen, hattest du letzte Nacht mehrere Träume. Sie sind passiert, ob du es glaubst oder nicht. Was fehlt, ist einzig die Erinnerung daran. Und genau um diesen Unterschied dreht sich der ganze Artikel.

“Ich träume nie” ist in Wahrheit “Ich erinnere mich nie”

Wenn jemand sagt, er träume nicht, dann meint er fast immer etwas anderes, als er glaubt. Er meint: Ich wache morgens auf und habe keinen Traum im Kopf. Das ist eine völlig korrekte Beschreibung seines Erlebens. Nur die Schlussfolgerung daraus ist falsch. Denn aus “Ich erinnere mich an keinen Traum” wird in seinem Kopf “Also habe ich nicht geträumt”.

Das ist ein verständlicher Denkfehler. Aus deiner Sicht gibt es schliesslich keinen Unterschied zwischen einer Nacht ohne Träume und einer Nacht voller Träume, an die du dich nicht erinnerst. Beide fühlen sich morgens gleich an: schwarzes Loch, nichts da. Dein Bewusstsein hat schlicht keinen Zugriff auf das, was nachts gelaufen ist. Also nimmst du an, es sei eben nichts gewesen.

Die Traumerinnerung ist nämlich von Natur aus extrem flüchtig. Ein Traum verblasst oft schon in den ersten Sekunden nach dem Aufwachen, schneller als fast jede andere Form von Erinnerung. Wenn du aufstehst, aufs Handy schaust oder auch nur an den ersten Termin denkst, ist der Traum meistens schon weg. Er war da, aber er hat sich nicht festgesetzt. Mehr dazu, warum das so ist, habe ich in einem eigenen Text gesammelt, nämlich dazu, warum man sich nicht an Träume erinnert.

Es lohnt sich also, den Satz im Kopf umzuformulieren. Statt “Ich träume nie” passt “Ich erinnere mich selten an meine Träume” viel besser zur Wirklichkeit. Das klingt nach Wortklauberei, ist aber entscheidend. Denn das eine wäre ein Schicksal, an dem du nichts ändern kannst. Das andere ist eine Fähigkeit, die du trainieren kannst. Und das ist eine richtig gute Nachricht.

Wie wir das so sicher wissen: das Schlaflabor

Jetzt kommt der Teil, mit dem ich meinen Kollegen verblüfft habe. Woher wollen wir eigentlich wissen, dass auch Leute träumen, die sich nie an etwas erinnern? Die Antwort kommt aus dem Schlaflabor, und sie ist erstaunlich simpel. Man weckt die Leute einfach mitten im Traum.

Schon in den fünfziger Jahren haben Forscher angefangen, schlafende Menschen zu beobachten und ihre Hirnströme zu messen. Dabei fiel auf, dass es diese wiederkehrenden Phasen mit den schnellen Augenbewegungen gibt. Die Neugier war geweckt: Was passiert in genau diesen Momenten? Also haben sie die Schläfer gezielt während einer REM-Phase aufgeweckt und gefragt, ob sie gerade geträumt hätten.

Das Ergebnis war deutlich. Weckt man Menschen mitten aus dem REM-Schlaf, berichten sie in der grossen Mehrheit der Fälle von einem Traum, oft von einem sehr lebhaften. Und das gilt auch für die berühmten Leute, die felsenfest behaupten, sie würden nie träumen. Holt man sie zur richtigen Zeit aus dem Schlaf, haben sie plötzlich einen Traum parat. Sie hatten ihn die ganze Zeit, sie kamen morgens nur nicht mehr dran.

Dieses Weckexperiment ist deshalb so überzeugend, weil es den entscheidenden Punkt direkt zeigt. Das Träumen und das Erinnern an den Traum sind zwei verschiedene Dinge. Der Traum läuft ohnehin ab. Ob du ihn morgens noch im Kopf hast, hängt davon ab, in welcher Schlafphase und wie sanft du aufwachst, und ob du den Inhalt schnell genug greifst, bevor er verfliegt. Weckt man die Leute direkt aus dem Geschehen, überbrückt man diese Lücke und fängt den Traum frisch ab.

Inzwischen ist diese Beobachtung tausendfach bestätigt worden. Sie gehört zu den solidesten Erkenntnissen der ganzen Traumforschung. Bei vielen anderen Fragen rund ums Träumen weiss niemand etwas sicher. Hier aber stehen wir auf festem Boden: Der Mensch träumt jede Nacht, und das Weckexperiment im Labor beweist es.

Träumst du nur im REM-Schlaf?

Eine wichtige Ergänzung gehört noch dazu, weil sie oft unter den Tisch fällt. Lange Zeit dachte man, Träume passierten ausschliesslich im REM-Schlaf. Das Bild war einfach und einleuchtend: schnelle Augen, lebhafte Träume, fertig. Inzwischen wissen wir, dass die Sache etwas komplizierter ist.

Es zeigt sich nämlich, dass Menschen auch ausserhalb des REM-Schlafs träumen. Weckt man jemanden aus den anderen Schlafphasen, berichtet er ebenfalls oft von Trauminhalten. Diese sind meistens weniger bildgewaltig und weniger verrückt als die typischen REM-Träume. Sie sind eher gedanklich, ruhiger, manchmal nur ein vages Gefühl oder ein einzelner Gedanke, der sich im Kreis dreht. Aber es ist trotzdem eine Form von Traum.

Das verändert das Bild deutlich. Es bedeutet, dass dein Gehirn nicht allein in den vier bis sechs REM-Phasen Trauminhalte produziert. Es ist über weite Strecken der Nacht in irgendeiner Form aktiv. Manche Forscher gehen so weit zu sagen, das Gehirn träume eigentlich fast durchgehend, nur eben in unterschiedlicher Intensität. Wie viel davon gesichert ist, lasse ich offen. Klar ist: Wer behauptet, er habe keine einzige Traumsekunde, liegt mehrfach daneben.

Für dich heisst das vor allem eines. Die Menge an Traummaterial, die jede Nacht durch deinen Kopf läuft, ist viel grösser, als es sich morgens anfühlt. Du verpasst nicht nur ein, zwei kleine Träume. Du verpasst eine ganze nächtliche Vorstellung, die in mehreren Akten abläuft. Das macht den Gedanken, all das wäre für immer unerreichbar, umso ärgerlicher. Zum Glück ist er ja falsch.

Warum verschwinden die Träume so schnell?

Wenn wir doch alle jede Nacht so viel träumen, drängt sich die nächste Frage auf. Warum zum Teufel erinnern wir uns dann an so wenig? Hier wird es etwas spekulativer, und ich zeige dir genau, wo die gesicherte Erklärung aufhört und die Vermutung anfängt.

Gesichert ist, dass der Übergang vom Schlaf zum Wachsein eine schlechte Zeit fürs Erinnern ist. Während du schläfst, arbeiten die Bereiche im Gehirn, die normalerweise neue Erinnerungen abspeichern, auf Sparflamme. Der Traum entsteht zwar, aber er wird nicht so abgelegt, wie es ein Erlebnis am Tag wird. Er liegt nur ganz kurz im Zwischenspeicher. Wachst du nicht direkt aus ihm auf, ist er meist schon überschrieben, bevor du überhaupt richtig zu dir kommst.

Eine plausible Vermutung dazu finde ich besonders schön, und sie passt zu dem, was ich an anderer Stelle über den Sinn der Träume geschrieben habe. Vielleicht sind Träume gar nicht fürs Wachbewusstsein gedacht. Wenn dein Gehirn nachts vor allem aufräumt, Erlebnisse sortiert und Gefühle verarbeitet, dann braucht es dafür keinen Zuschauer. Der Traum wäre dann eher ein Nebenprodukt dieser Arbeit, und es gäbe schlicht keinen Grund, ihn fürs spätere Erinnern aufzubewahren. Warum dein Kopf nachts überhaupt dieses Kino abspielt, habe ich ausführlich in meinem Text dazu behandelt, warum man überhaupt träumt.

Dazu kommt ein ganz banaler Faktor: Aufmerksamkeit. Die meisten Menschen messen ihren Träumen morgens keine Bedeutung bei. Der Wecker klingelt, der Kopf springt sofort zum Tag, zur Arbeit, zur ersten Aufgabe. In dieser Hektik hat ein zarter Traumfetzen keine Chance. Er wird einfach weggespült von dem, was als Erstes durch den Kopf rauscht. Und genau hier kannst du eingreifen, denn diesen Mechanismus kannst du bewusst umdrehen.

Die gute Nachricht: Traumerinnerung lässt sich trainieren

Jetzt kommt der Teil, der dich freuen sollte, vor allem wenn du selbst zu den “Ich träume nie”-Leuten gehörst. Die Traumerinnerung ist keine angeborene Begabung, die man hat oder eben nicht. Sie ist eine Fähigkeit, und Fähigkeiten kann man üben. Ich habe das bei mir selbst erlebt, und ich habe es bei genug anderen gesehen, um ziemlich überzeugt davon zu sein.

Das wichtigste Werkzeug dafür ist das Traumtagebuch. Die Idee ist denkbar simpel. Du legst Stift und Papier neben dein Bett, und sobald du aufwachst, schreibst du auf, woran du dich erinnerst. Anfangs sind das vielleicht nur ein paar lose Fetzen, ein Bild, ein Gefühl, ein Wort. Das reicht völlig. Allein der Versuch trainiert deinen Kopf darauf, die Träume morgens festzuhalten, statt sie sofort wegzuspülen.

Was dabei in deinem Kopf passiert, ist eine Art Umprogrammierung. Du signalisierst deinem Gehirn Nacht für Nacht, dass diese nächtlichen Geschichten wichtig sind und festgehalten werden sollen. Und dein Gehirn ist erstaunlich folgsam. Nach ein paar Wochen wachst du nicht mehr mit einem schwarzen Loch auf. Stattdessen kommen ganze Szenen zurück. Viele Leute, die felsenfest überzeugt waren, sie würden nie träumen, erinnern sich nach kurzer Zeit plötzlich an mehrere Träume pro Nacht. Es war eben nie eine Frage des Träumens, immer nur eine des Erinnerns.

Warum gerade Stift und Papier so entscheidend sind, warum das Handy hier ein schlechter Helfer ist, und wie du das Ganze konkret aufziehst, beschreibe ich Schritt für Schritt im Einstieg ins luzide Träumen. Das Traumtagebuch ist dort der erste und wichtigste Baustein, und das hat genau diesen Grund. Ohne Traumerinnerung läuft beim Klarträumen gar nichts.

Was das fürs Klarträumen bedeutet

Vielleicht fragst du dich, warum mir dieser Punkt so wichtig ist. Der Grund ist einfach: Die Erinnerung an deine Träume ist das Fundament für alles Weitere. Wenn du luzid träumen willst, also im Traum merken willst, dass du träumst, dann führt kein Weg an einer guten Traumerinnerung vorbei.

Das hängt direkt zusammen. Je besser du dich an deine Träume erinnerst, desto vertrauter werden sie dir. Du fängst an, Muster zu erkennen, wiederkehrende Orte, typische Stimmungen, dieses merkwürdige Gefühl, das ein Traum so an sich hat. Und je vertrauter dir das alles ist, desto eher fällt dir mitten im Traum auf, dass gerade etwas nicht stimmt. Genau in diesem Moment des Stutzens entsteht die Chance, luzid zu werden. Wer sich an gar keine Träume erinnert, hat dieses Material überhaupt nicht zur Verfügung.

Umgekehrt ist es ziemlich entmutigend, an luzides Träumen auch nur zu denken, solange du überzeugt bist, du würdest gar nicht träumen. Wozu auch? Wenn da nachts nichts ist, kann man darin auch nicht aufwachen. Deshalb ist mir dieser Mythos so ein Anliegen. Er hält Leute davon ab, überhaupt anzufangen, und das aus einem Grund, der schlicht nicht stimmt. Du träumst. Jede Nacht. Du musst nur lernen, die Tür zu diesen Träumen wieder zu finden.

Und hier wird es richtig schön. Sobald deine Traumerinnerung läuft, öffnet sich eine ganze Welt, die vorher jede Nacht unbemerkt an dir vorbeigezogen ist. Du merkst plötzlich, wie viel da los war, während du dachtest, du würdest einfach nur bewusstlos im Bett liegen. Für mich war das eine der grössten Überraschungen am ganzen Thema. Es war alles schon da, ich musste es nur aufschreiben lernen.

Ein paar wichtige Einschränkungen

Damit ich dir kein zu rosiges Bild male, will ich auch die Grenzen benennen. Erstens: Wenn ich sage, jeder Mensch träumt jede Nacht, meine ich gesunde Menschen unter normalen Bedingungen. Es gibt seltene Ausnahmen, etwa bestimmte Verletzungen oder Erkrankungen des Gehirns, bei denen das Träumen tatsächlich stark eingeschränkt sein kann. Das betrifft aber einen winzigen Teil der Leute und mit Sicherheit nicht deinen Kollegen, der einfach nur behauptet, er träume nie.

Zweitens spielt auch dein Lebensstil mit. Bestimmte Substanzen drücken die Traumerinnerung kräftig nach unten. Alkohol am Abend zum Beispiel zerschiesst dir die Traumphasen ordentlich, und auch andere Sachen kappen die Erinnerung an Träume fast komplett. In so einem Fall träumst du zwar trotzdem, aber die Chance, morgens etwas davon mitzunehmen, sinkt deutlich. Wer seine Traumerinnerung verbessern will, tut also gut daran, am Abend etwas zurückhaltender zu sein.

Drittens, und das ist mir wichtig: Erwarte keine Wunder von heute auf morgen. Bei manchen Leuten sprudeln die Erinnerungen schon nach wenigen Tagen Tagebuch, bei anderen dauert es Wochen. Das ist völlig normal und kein Zeichen, dass bei dir etwas nicht stimmt. Bleib einfach dran. Die Arbeit passiert im Hintergrund, auch wenn sich an einzelnen Morgen scheinbar nichts tut.

Und schliesslich noch ein Wort zur Genauigkeit der Erinnerung. Selbst mit gutem Training wirst du einen Traum nie Sekunde für Sekunde abspeichern. Du erinnerst Szenen, Bilder, Bruchstücke. Das ist aber kein Mangel, das ist einfach die Natur der Sache. Auch von einem echten Erlebnis, sagen wir einer Party, behältst du am Ende nur ein paar Szenen und Gesichter. Bei Träumen ist es genauso. Lass dich davon nicht entmutigen, denn ein paar lebhafte Bruchstücke pro Nacht sind mehr als genug, um damit zu arbeiten.

Mein Fazit zur Frage, ob man jede Nacht träumt

Wenn du nur eine Sache aus diesem Text mitnimmst, dann diese. Du träumst jede Nacht, mehrmals, ob du dich daran erinnerst oder nicht. Der Satz “Ich träume nie” beschreibt kein fehlendes Träumen. Er beschreibt eine fehlende Erinnerung. Und das ist ein gewaltiger Unterschied, weil das eine unabänderlich wäre und das andere etwas ist, das du in der Hand hast.

Das Schlaflabor hat diese Frage längst geklärt. Weckt man Menschen mitten im Traum, haben sie einen Traum parat, selbst die hartnäckigsten Zweifler. Die Träume sind also da, jede Nacht, Akt für Akt. Was fehlt, ist allein die Brücke vom Schlaf ins Wachbewusstsein, und diese Brücke kannst du dir mit ein bisschen Übung selbst bauen.

Für mich ist das eine der ermutigendsten Erkenntnisse rund ums Träumen. Du musst dir nichts Neues zulegen, keine Fähigkeit erwerben, die dir fehlt. Du hast das alles schon, jede einzelne Nacht. Du musst bloss wieder lernen, hinzuschauen. Und der Tag, an dem du zum ersten Mal mit einem ganzen Traum im Kopf aufwachst, nachdem du jahrelang dachtest, du würdest nie träumen, ist ein verdammt schöner Tag. Ich gönne ihn dir.