Schon als Kind hat mich eine Frage nicht losgelassen. Wie fühlt es sich eigentlich an, einzuschlafen? Der Schlaf danach war mir egal. Ich wollte den Moment des Übergangs erwischen, die eine Sekunde, in der man vom Wachsein wegdriftet.
Lange hielt ich das für unmöglich. Meine Mutter erzählte mir, eine Freundin von ihr habe genau das einmal für eine Schulstudie versucht, als sie jung waren. Vom luziden Träumen wusste damals offenbar niemand etwas. Es klang wie ein Rätsel ohne Lösung.
Als ich es dann zum ersten Mal wirklich schaffte, fühlte es sich an, als hätte ich ein verstecktes Geheimnis des Universums geknackt. Ein Blick hinter den Vorhang, so könnte man es nennen. Genau dieses Gefühl reizt mich bis heute am WILD am meisten.
Was WILD ist
WILD steht für „Wake-Induced Lucid Dream". Die Idee ist leicht zu sagen und schwer zu machen. Du gehst direkt vom Wachzustand in den Traum, ohne dabei dein Bewusstsein zu verlieren. Du bleibst also wach, während dein Körper einschläft, und steigst bei vollem Bewusstsein in den Traum ein.
Das ist das genaue Gegenstück zum DILD. Beim DILD wirst du mitten in einem laufenden Traum luzid und weisst oft nicht, wie du dahin gekommen bist. Beim WILD baust du den Traum von der ersten Sekunde an bewusst mit auf. Du bist von Anfang an klar, wach und in Kontrolle.
Die stärkste und schwierigste Methode
Für mich ist WILD die kräftigste Methode überhaupt. Der Grund ist diese lückenlose Kontrolle. Du tauchst nicht irgendwo im Traum auf, du steigst bewusst ein und bist sofort Herr der Lage.
Diese Stärke hat einen Preis. WILD ist auch die schwierigste der gängigen Techniken. Bei mir hat es Jahre gedauert, bis ich sie wirklich beherrscht habe. Dazu muss ich aber sagen, dass ich nie der Fleissigste war. Wenn du dranbleibst und es ernsthaft übst, bist du womöglich deutlich schneller als ich.
Am besten klappt WILD nach einem WBTB. Nach einem kurzen Aufwachen mitten in der Nacht ist dein Körper bereit, sofort wieder einzuschlafen, während dein Geist noch wach genug ist, um bei der Sache zu bleiben. Aus dem kalten Zustand am Abend gelingt WILD dagegen nur selten.
Die Ausgangsposition
Leg dich auf den Rücken und spreiz Arme und Beine etwas ab. Schliess die Augen und atme ruhig und gleichmässig. Ab jetzt geht es nur noch um eines. Du bleibst vollkommen still liegen und entspannst dich, ohne einzuschlafen.
Beweg keinen Muskel mehr, auch wenn es juckt oder kribbelt. Jede bewusste Bewegung holt dich zurück ins Wachsein. Dein Körper soll glauben, du schläfst schon, während dein Kopf wach bleibt.
Entspannung: die 61-Punkte-Methode
Am Anfang habe ich eine feste Entspannungstechnik benutzt. Sie heisst 61-Punkte-Methode und stammt ursprünglich aus dem Yoga, genauer aus dem Yoga Nidra. Dabei wanderst du mit deiner Aufmerksamkeit nacheinander durch 61 festgelegte Punkte deines Körpers und ruhst kurz auf jedem.
Ich habe das Ganze etwas abgewandelt und an jedem Punkt den Muskel zuerst angespannt und dann gelöst. Erst der erste Finger, dann der zweite, dann die restlichen, dann die Hand, der Arm und so weiter durch den ganzen Körper. Diese Variante ist näher an der klassischen progressiven Muskelentspannung, hat bei mir aber genauso gut funktioniert.
Heute lasse ich die formale Version meistens weg. Ich liege einfach still und halte mein Bewusstsein fest, während mein Körper wegdämmert. Am Anfang ist so eine feste Routine aber Gold wert, weil sie dir etwas gibt, worauf du dich konzentrieren kannst.
Was beim Übergang passiert
Sobald dein Körper einschläft und dein Geist wach bleibt, beginnt der spannende Teil. Du trittst in die sogenannte Hypnagogie ein, also den Zwischenbereich zwischen Wachen und Schlafen. Hier tauchen Bilder, Muster und Farben hinter deinen geschlossenen Augen auf. Manchmal baut sich sogar eine ganze Szene vor dir auf.
Dazu kommen körperliche Eindrücke. Du fühlst dich vielleicht plötzlich riesig oder winzig, spürst ein Fallen oder ein leichtes Schaukeln, manchmal ein Kribbeln durch den ganzen Körper. Vielleicht hörst du Stimmen oder siehst kurz Gesichter. All das ist normal und gehört zum Übergang dazu. Du musst nichts davon fürchten, auch wenn es beim ersten Mal befremdlich wirkt.
Der Trick ist, das alles geschehen zu lassen, ohne dich daran festzukrallen. Wenn du ein Bild zu sehr anstarrst, verschwindet es oft wieder. Beobachte es ruhig und lass es wachsen.
Damit du dabei nicht einfach wegdämmerst, hilft ein leiser Anker für dein Bewusstsein. Viele zählen still mit, etwa „eins, ich träume, zwei, ich träume", ganz ruhig im Hintergrund. So hältst du einen dünnen Faden Wachheit, ohne dich zu verkrampfen. Findest du deinen eigenen Anker, bist du schon ein gutes Stück weiter.
Auf zwei Phänomene verlasse ich mich dabei besonders, und die schauen wir uns jetzt genauer an.
Das Geräusch
Das erste ist ein Geräusch. Ich höre einen Ton, der sich langsam aufbaut, ein Brausen oder Rauschen, das immer lauter wird. Das ist ein gutes Zeichen, denn es gehört zum Übergang dazu.
Das ist auch wissenschaftlich gut beschrieben. Beim Hinübergleiten in den REM-Schlaf melden sich oft hypnagoge Höreindrücke, von leisem Rauschen bis zu lautem Brausen oder Summen. Sie spiegeln die Umstellung im Gehirn wider, die mit dem Beginn der Traumphase einhergeht.
Wichtig ist, wie du mit dem Geräusch umgehst. Lass es sich auf sich selbst aufbauen. Forcier es nicht, aber lass es auch nicht wieder abreissen. Wenn du es ruhig wachsen lässt, trägt es dich oft direkt in den Traum hinein.
Die Phantombewegung
Das zweite Phänomen ist meine liebste Brücke in den Traum. Du kennst das Gefühl, wenn du dir vorstellst, deinen Arm zu bewegen, und ihn fast spürst, ohne ihn wirklich zu rühren. Genau das nutzt du.
Du bewegst deinen Traumkörper, ohne einen einzigen echten Muskel anzuspannen. Es fühlt sich an, als würdest du dich aus deinem physischen Körper herauswriggeln. Manche rollen sich heraus, andere stehen einfach auf, wieder andere spüren ein Schweben. Probier aus, was bei dir geht. Sobald sich dein Traumkörper löst, bist du drin.
Die Szene betreten
Mein verlässlichster Weg hinein ist ein kleiner Trick. Ich stelle mir genau den Raum vor, in dem ich gerade liege. Ich sehe mein Schlafzimmer vor mir, das Bett und die Wand, alles genau so, wie es ist.
Dann steige ich mit meinem Traumkörper aus dem Bett, gehe ein paar Schritte und bin luzid. Die Szene ist sofort da, weil ich sie aus einem Ort gebaut habe, den ich in- und auswendig kenne. Von dort aus kann ich überall hin. Oft fliege ich einfach aus dem Fenster und lasse mich überraschen, wohin es geht.
Wie es sich anfühlt, wenn es zündet
Der Moment, in dem ein WILD gelingt, ist schwer in Worte zu fassen. Eben lagst du noch wach im Bett, hast Bilder beobachtet und das Brausen gehört. Im nächsten Augenblick stehst du in einer Szene, fühlst den Boden unter den Füssen und weisst mit voller Klarheit, dass du träumst.
Genau das ist der Blick hinter den Vorhang, von dem ich am Anfang gesprochen habe. Du bist bei vollem Bewusstsein an einem Ort, den dein eigener Kopf gerade erschafft. Dieses Gefühl trägt dich über jeden Fehlversuch hinweg, der davor lag.
Schlafparalyse und eine wichtige Warnung
Auf dem Weg in den WILD begegnet dir häufig die Schlafparalyse. Dein Körper ist gelähmt, damit du deine Träume nicht auslebst, und beim WILD bekommst du das bewusst mit. Das kann sich seltsam anfühlen, ist aber völlig harmlos und sogar nützlich. Die Lähmung ist das Sprungbrett, das dich in den Traum trägt. Wenn dir das Thema Angst macht, lies vorher meinen Artikel über die Schlafparalyse.
Eine Sache nehme ich sehr ernst, und du solltest sie auch kennen. Manchmal habe ich die leise Sorge, ich könnte beim Losfliegen aus einem echten Fenster springen. Deshalb mache ich vor jeder wilden Aktion einen sehr sorgfältigen Realitätscheck. Bevor du im Traum etwas Riskantes tust, vergewissere dich ganz sicher, dass du wirklich träumst. Das klingt übertrieben, ist aber ein guter Reflex.
Wenn dir die Schlafparalyse Angst macht
Falls die Lähmung dich erschreckt, hier mein einfaches Vorgehen. Kämpf nicht dagegen an, denn das macht es nur schlimmer. Bleib ruhig und erinnere dich daran, dass dein Körper nur seine normale Schutzlähmung zeigt. Sie geht immer von allein vorbei.
Du hast zwei Möglichkeiten. Entweder lässt du dich von dem Zustand direkt in den Traum tragen, was eigentlich dein Ziel ist. Oder du beendest ihn, indem du ganz ruhig versuchst, einen einzigen Finger zu bewegen. Sobald der sich rührt, hast du deinen Körper zurück. Halt dabei am besten die Augen geschlossen, weil dein erschrockener Kopf sonst gern etwas Gruseliges dazudichtet.
WILD, Astralreisen und Schamanismus
Jetzt wird es richtig interessant, denn hier kommt etwas, das mich seit Jahren fasziniert. Alles, was ich dir gerade beschrieben habe, kennst du nicht nur aus dem luziden Träumen. Du findest es fast eins zu eins in Berichten über Astralreisen und über schamanische Reisen.
Da sind das Brausen im Ohr, die Vibrationen, die Lähmung und das Gefühl, sich aus dem Körper zu schälen. Astralprojektoren nennen genau das ihren Ausstieg aus dem Körper. Schamanen beschreiben einen sehr ähnlichen Übergang, wenn sie ihre Reise antreten oder ihr Krafttier suchen. Für mich ist das kein Zufall.
Mich hat dieser Zusammenhang schon als Jugendlicher gepackt. Ich war damals tief in esoterischem Zeug drin, im Schamanismus und in der Suche nach dem Krafttier, und das kam bei mir sogar vor dem luziden Träumen. Je mehr ich darüber las, desto deutlicher sah ich dasselbe Muster hinter all diesen Wegen. Ich bleibe dabei offen und neugierig, stehe aber mit beiden Beinen auf dem Boden.
Meine Überzeugung ist einfach. Es ist alles dasselbe Gehirn. Was die einen eine Astralreise nennen und die anderen eine schamanische Reise, ist derselbe körperliche Übergang in den Traum, nur anders gedeutet. Das macht die Erfahrung kein bisschen weniger beeindruckend. Es macht sie für mich sogar spannender, weil sich plötzlich sehr unterschiedliche Traditionen im selben Punkt treffen.
Diesem Thema widme ich noch einen eigenen Artikel, weil es zu gross ist für ein paar Absätze. Aber wenn du das nächste Mal das Brausen hörst und dich aus deinem Körper schälst, denk daran, dass Menschen genau das seit Jahrhunderten beschreiben.
Warum es Jahre dauern kann
WILD ist deshalb so schwer, weil du eine schmale Linie halten musst. Bist du zu wach, schläfst du nicht ein. Bist du zu entspannt, kippst du weg und schläfst ganz normal. Den richtigen Grat dazwischen zu treffen, braucht Übung.
Bei mir hat das Jahre gedauert. Aber wie gesagt, ich habe es nie verbissen betrieben und oft lange Pausen gemacht. Wenn du regelmässig übst, kann es bei dir viel schneller gehen. Lass dich von ein paar Fehlversuchen nicht abschrecken. Jeder Versuch gibt dir ein besseres Gefühl für diesen Grat.
Und falls es heute nicht klappt, ist das kein Drama. Du schläfst einfach normal ein und probierst es ein andermal. Verlieren kannst du dabei nichts. Sieh jeden Versuch als kleines Experiment mit deinem eigenen Kopf. Selbst wenn du dabei normal einschläfst, lernst du jedes Mal etwas über diesen schmalen Grat.
Die häufigsten Fehler
Ein paar Stolpersteine tauchen bei fast allen auf.
- Die Bilder anstarren. Wenn du die Hypnagogie zu fest fixierst, reisst du dich wach. Beobachte sie locker.
- Bei Aufregung zucken. Sobald etwas passiert, freust du dich und bewegst dich. Bleib ruhig liegen.
- Ohne WBTB probieren. Am Abend bist du zu wach. Nutz die zweite Nachthälfte.
- Den Realitätscheck vergessen. Gerade vor riskanten Aktionen ist er Pflicht.
- Zu früh aufgeben. WILD braucht viele Anläufe, und das ist ganz normal.
Dein Fahrplan für WILD
Das Wichtigste in Kurzform.
- Mach WILD nach einem WBTB, mitten in der Nacht oder gegen Morgen.
- Leg dich auf den Rücken, spreiz die Glieder ab und bleib vollkommen still.
- Entspann dich, mit der 61-Punkte-Methode oder einfach, indem du still liegst.
- Lass Bilder und das Geräusch kommen und beobachte sie ruhig.
- Wriggel deinen Traumkörper heraus oder stell dir deinen Raum vor und steh darin auf.
- Mach einen Realitätscheck, bevor du etwas Wildes tust.
WILD ist die Königsdisziplin, und sie braucht Geduld. Aber kaum etwas fühlt sich so sehr nach einem Blick hinter den Vorhang an wie der Moment, in dem du bei vollem Bewusstsein in deinen eigenen Traum steigst. Probier es immer wieder, denn jeder Anlauf bringt dich diesem Gefühl ein Stück näher.
