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Ängste im Klartraum konfrontieren

Traumkontrolle12 Min. Lesezeit

Ängste im Klartraum konfrontieren

Ängste im Klartraum stellen statt davonzulaufen. Wie aus meinen Albträumen automatisch Klarträume werden und wie ich der Angst ins Gesicht schaue, ohne rauszukippen.

Vor ein paar Wochen jagte mich wieder dieses Ding durch eine viel zu enge Gasse. Dunkle Gestalt, kein Gesicht, immer einen Schritt hinter mir. Mein Herz raste, ich rannte, bis mir die Beine wegsackten. Und dann passierte, was mir bei Albträumen fast immer passiert. Es machte klick. Ich war luzid. In dem Moment, in dem ich merkte, dass ich träume, fiel die ganze Panik von mir ab wie ein nasser Mantel. Ich blieb stehen. Ich drehte mich um. Statt weiterzurennen schaute ich das Ding zum ersten Mal richtig an. Es kam näher, langsamer jetzt, fast zögerlich, als hätte es nicht damit gerechnet. Und ich dachte ganz ruhig, komm her, ich will sehen, wer du bist. Sein Gesicht zerfloss und formte sich neu, wie schmelzendes Eis, und je länger ich hinsah, desto kleiner wurde es. Am Ende stand da nur noch etwas Verwaschenes, das gar nicht mehr bedrohlich wirkte. Ich war fast ein bisschen enttäuscht.

So läuft das bei mir mittlerweile oft, und genau darum geht es in diesem Text. Ängste im Klartraum sind keine Strafe, sie sind eine Einladung. Sobald du weisst, dass du träumst, hast du den sichersten Raum der Welt, um dich genau dem zu stellen, vor dem du sonst davonläufst.

Der Klartraum ist der sicherste Ort, um deine Angst zu stellen

Lass mich mit dem Wichtigsten anfangen. Im Klartraum kann dir nichts wirklich passieren. Gar nichts. Das klingt banal, aber es zu wissen und es im Moment der Angst auch zu fühlen, sind zwei verschiedene Dinge. Genau dieser Unterschied entscheidet darüber, ob du fliehst oder bleibst.

Denk mal darüber nach, was eine Angst im Wachen so mächtig macht. Es sind die Folgen. Wenn dich im echten Leben etwas verfolgt, kannst du verletzt werden, du kannst sterben, du kannst alles verlieren. Im Traum fällt das komplett weg. Die Gestalt, die dich jagt, kann dir den Hals umdrehen und du wachst einfach auf, mit heilem Hals, im warmen Bett. Der Abgrund, vor dem du stehst, kann dich verschlucken und du landest weich, weil du es so willst. Es gibt keinen echten Schaden. Keinen.

Das macht den Klartraum zu einem Übungsplatz, wie ihn dir kein Therapeut bauen könnte. Du kannst dich deiner Angst nähern, so weit du willst, und in der Sekunde, in der es dir zu viel wird, kannst du aussteigen. Du hast einen Notausgang, der immer offen steht. Wer Höhenangst hat, kann sich auf den höchsten Turm stellen. Wer sich vor Spinnen fürchtet, kann sich eine auf die Hand setzen. Und du machst das alles in dem Wissen, dass es nur dein eigener Kopf ist, der dir das vorspielt.

Genau hier liegt der Hebel. Eine Angst verliert ihre Macht, wenn du ihr begegnest und überlebst. Das Gehirn lernt aus Erfahrung, und es macht ihm erstaunlich wenig aus, ob diese Erfahrung wach oder im Traum stattgefunden hat. Wenn du der dunklen Gestalt einmal ins Gesicht geschaut hast und nichts passiert ist, sieht sie beim nächsten Mal schon weniger furchterregend aus. Das war bei mir so, und ich höre es immer wieder von anderen, auch wenn ich nicht garantieren kann, dass es bei jedem gleich gut läuft.

Warum mich meine Albträume fast von selbst luzid machen

Jetzt kommt der Teil, der für mich über die Jahre zum echten Geschenk geworden ist. Jedes Mal, wenn ich einen Albtraum habe, werde ich fast automatisch luzid. Das passiert ohne dass ich etwas dafür tun muss. Die Angst selbst ist der Auslöser.

Ich glaube, das hat einen einfachen Grund. Ein Albtraum ist so intensiv, so überdreht, dass irgendwo in mir ein Schalter umgelegt wird. Das ist zu viel, das kann nicht echt sein. Und genau dieser Gedanke ist schon der erste Schritt in die Luzidität. Bei mir ist das mittlerweile so eingefahren, dass ich es gar nicht mehr bewusst herbeiführe. Das Grauen baut sich auf, erreicht einen Höhepunkt, und dann macht es klick.

Früher war das anders. Als Kind habe ich vor Albträumen gezittert wie alle anderen auch. Was sich verändert hat, ist die Haltung. Je länger ich luzid träume, desto mehr habe ich gelernt, dass ein Albtraum für mich eine Gratis-Eintrittskarte in den Klartraum ist. Und sobald ich drin bin, habe ich die Wahl. Ich kann aufwachen, wenn ich keine Lust habe. Ich kann wegfliegen, das ist sowieso mein Lieblingsausweg. Oder, und das ist der spannende Teil, ich kann bleiben.

Bleiben statt fliehen, das ist der ganze Unterschied. Solange du nicht weisst, dass du träumst, bleibt dir nur die Flucht. Dein Körper schaltet auf Überleben, du rennst, du versteckst dich, du kämpfst ums nackte Dasein. In dem Moment, in dem die Luzidität einsetzt, fällt dieser Zwang weg. Plötzlich darfst du dich umdrehen. Du darfst stehen bleiben und sagen, ich gehe jetzt nicht weg, ich schaue dich an. Das ist ein Gefühl von Macht, das ich kaum beschreiben kann, weil es so frei macht.

Falls dich Albträume oft heimsuchen, ist das übrigens einer der besten Gründe überhaupt, mit dem luziden Träumen anzufangen. Was dich heute aus dem Schlaf reisst, kann morgen dein zuverlässigster Weg in den Klartraum sein. Mehr dazu, wie du diese Verbindung gezielt nutzt, findest du in meinem Text über Albträume nutzen.

Die zentrale Regel: denk positiv, dein Unterbewusstsein versteht kein Nein

Wenn du nur eine Sache aus diesem ganzen Text mitnimmst, dann diese. Dein Unterbewusstsein versteht kein Nein. Es kennt keine Verneinung. Das ist eine meiner nützlichsten Entdeckungen aus all den Jahren, und gerade bei der Angst macht sie den Unterschied zwischen einem Sieg und einer Katastrophe.

Stell dir vor, du versteckst dich im Traum vor einem Monster und denkst mit aller Kraft, bitte finde mich nicht, bitte finde mich nicht. Was hört dein Unterbewusstsein? Es streicht das Nein einfach und macht daraus, finde mich. Und prompt findet es dich. Jedes Mal. Ich habe das früher selbst erlebt, bevor mir der Groschen gefallen ist. Je verzweifelter ich mir wünschte, dass mir das Schlimme erspart bleibt, desto sicherer trat es ein. Kein Wunder, ich habe es ja unbewusst bestellt.

Seit ich das verstanden habe, denke ich im Traum nur noch in positiven Bildern. Statt hoffentlich kriegt es mich nicht denke ich, es geht an mir vorbei. Statt bloss nicht runterfallen denke ich, ich bleibe oben. Statt lass das Gesicht nicht zur Fratze werden denke ich, das Gesicht beruhigt sich. Der Unterschied ist gewaltig. Du formulierst dein Ziel als das, was du willst, nicht als die Abwesenheit dessen, was du fürchtest.

Das passt direkt zu der grösseren Sache, auf der die ganze Traumkontrolle aufbaut, nämlich deinem Glauben. Wie das genau zusammenhängt, warum deine Überzeugung im Traum buchstäblich Realität wird, habe ich ausführlich erklärt in wie Traumkontrolle funktioniert. Für die Angst reicht erst mal dieser eine Satz. Dein Kopf macht wahr, woran du denkst, also denk an das, was du willst.

Üb das ruhig schon im Wachen. Achte mal einen Tag lang darauf, wie oft du in Verneinungen denkst. Bloss nicht zu spät kommen. Hoffentlich vergesse ich es nicht. Mach daraus die positive Variante. Ich bin pünktlich. Ich denke daran. Je vertrauter dir diese Denkweise wach wird, desto selbstverständlicher greifst du im Traum darauf zurück, gerade wenn die Angst dir das klare Denken schwer macht.

Wende dich der Angstfigur zu und sprich sie an

Gut, du bist luzid, du weisst, dass dir nichts passieren kann, und du denkst in positiven Bildern. Jetzt zum eigentlichen Kern, dem Moment, in dem du dich der Angst wirklich zuwendest. Bei mir hat sich gezeigt, dass Zuwendung fast immer stärker wirkt als jeder Kampf.

Der erste Schritt ist der schwerste und gleichzeitig der einfachste. Dreh dich um. Hör auf wegzulaufen und richte deinen Blick auf das, was dir Angst macht. Schon dieses Umdrehen verändert die ganze Dynamik. Solange du fliehst, bist du Beute, und der Traum behandelt dich auch so. Sobald du dich umdrehst und hinschaust, drehst du das Verhältnis um. Du wirst vom Gejagten zum Beobachter, und das spürt die Angstfigur auf ihre eigene seltsame Art.

Dann sprich sie an. Das klingt verrückt, ich weiss, aber es funktioniert erstaunlich oft. Frag sie, wer bist du. Frag sie, was willst du von mir. Frag sie, warum bist du hier. Manchmal kommt eine Antwort, manchmal nicht, und die Antwort ergibt selten sofort Sinn. Aber allein die Tatsache, dass du redest statt rennst, nimmt der Szene die Schärfe. Du behandelst das Ding wie ein Gegenüber, mit dem man reden kann, und im Traum wird es dann oft auch zu genau so einem Gegenüber.

Mein Lieblingswerkzeug ist die Verwandlung. Erinnere dich, im Traum entscheidet dein Glaube. Wenn du fest davon ausgehst, dass sich die bedrohliche Gestalt verändert, dann tut sie das. Ich stelle mir vor, wie das Monster schrumpft, bis es so gross ist wie eine Katze. Oder ich sehe, wie sich die Fratze glättet und zu einem freundlichen Gesicht wird. Bei mir zerfliessen Gesichter im Traum sowieso ständig, sie schmelzen und formen sich neu wie Eis in der Sonne. Diese Eigenheit nutze ich aus. Ich lasse das Angstgesicht einfach zu etwas Harmlosem zerfliessen.

Manche Leute sagen, man solle die Angstfigur umarmen. Klingt kitschig, ist aber gar nicht so dumm. Die Idee dahinter ist, dass du die Angst annimmst, statt sie zu bekämpfen. Ich habe es ein paar Mal gemacht und es hatte etwas Befreiendes, auch wenn ich kein Mensch für grosse Gesten bin. Probier aus, was zu dir passt. Manche reden, manche verwandeln, manche umarmen, manche stellen sich einfach nur hin und halten dem Blick stand. Es gibt kein Richtig, es gibt nur das, was bei dir wirkt.

Albträume und Stabilisieren gehen Hand in Hand

Zwei Dinge spielen bei der Angstarbeit eng zusammen, und beide habe ich woanders ausführlicher beschrieben. Ich will sie hier trotzdem kurz verbinden, weil sie im entscheidenden Moment alles ausmachen.

Das eine ist die Verbindung zu deinen Albträumen. Wenn du gelernt hast, dass ein Albtraum dich luzid macht, dann wird die Angst zu deinem Türöffner. Du kannst sogar bewusst damit arbeiten. Wenn du tagsüber an eine wiederkehrende Angst denkst und dir vornimmst, ihr im nächsten Klartraum zu begegnen, erhöhst du die Chance, dass genau das passiert. Wie du das gezielt aufbaust, steht in meinem Text über Albträume nutzen, und ich empfehle dir, ihn zu lesen, bevor du dich an die schwereren Ängste wagst.

Das andere ist das Stabilisieren, und das ist im Angstmoment besonders heikel. Wenn dir gerade etwas Furchteinflössendes gegenübersteht und dein Herz hämmert, ist die Gefahr riesig, dass dich die Aufregung einfach aus dem Traum reisst. Das ist mir oft genug passiert. Da steht das Ding, ich will ihm endlich ins Gesicht schauen, und zack, ich liege wach im Bett, das Herz noch am Rasen. So lernst du nichts, weil der Traum vorbei ist, bevor du den entscheidenden Schritt machen konntest.

Deshalb musst du dich gerade dann erden, wenn die Angst hochkocht. Spür bewusst den Boden unter deinen Füssen. Reib die Hände aneinander und nimm die Reibung wahr. Schau dir Details der Umgebung an, eine Wand, ein Stein, deine eigenen Finger. Diese sinnlichen Anker halten dich im Traum, auch wenn dein Inneres Kopf steht. Wie das im Detail geht, welche Tricks am besten funktionieren, findest du in meinem Text über das Traum stabilisieren. Nimm dir das zu Herzen, denn ohne Stabilisierung verpufft die ganze schöne Theorie im Moment, in dem es darauf ankommt.

Die beiden gehören zusammen. Der Albtraum bringt dich rein, die Stabilisierung hält dich drin, und erst dann hast du Ruhe und Zeit, dich der Angst wirklich zuzuwenden. Wenn du nur das eine kannst und das andere nicht, wird es holprig.

Geh behutsam vor, das ist kein Therapieersatz

Jetzt der ernste Teil, und der ist mir wichtig. Alles, was ich hier beschreibe, kommt aus meiner eigenen Erfahrung mit gewöhnlichen Albträumen und alltäglichen Ängsten. Es ist kein Ersatz für eine Therapie, und das solltest du nie verwechseln.

Wenn deine Ängste tief sitzen, wenn du mit einem echten Trauma zu tun hast, wenn dich Panikattacken plagen oder wenn dich deine Albträume regelmässig aus dem Schlaf reissen und am Tag belasten, dann gehört das in fachliche Hände. Eine ausgebildete Therapeutin kann dir auf eine Weise helfen, wie es dir ein Klartraum niemals kann. Das luzide Träumen kann eine schöne Ergänzung sein, manche nutzen es sogar begleitend zur Therapie, aber es steht nie allein an der Stelle, an der professionelle Hilfe nötig wäre. Bitte sei da offen zu dir.

Und selbst bei den kleineren Ängsten gilt, geh behutsam vor. Du musst nicht beim ersten Versuch dem schlimmsten Monster deines Lebens ins Auge sehen. Fang klein an. Stell dich erst der leichten Angst, der Höhe, der Dunkelheit, dem unangenehmen Gefühl, und taste dich vor. Dein Notausgang steht immer offen, und du darfst ihn jederzeit nehmen. Aufwachen ist keine Niederlage, es ist eine völlig legitime Option. Wegfliegen genauso. Du entscheidest, wie weit du gehst, und du entscheidest es in jeder einzelnen Sekunde neu.

Achte auch darauf, wie es dir nach dem Traum geht. Wenn dich die Begegnung mit einer Angst noch tagelang verfolgt oder dir richtig schlecht damit ist, dann war es zu viel, und dann lass es lieber. Das soll dir Kraft geben, nicht zusätzlich auf die Seele schlagen. Hör auf dein Bauchgefühl. Ich kann dir nur sagen, was bei mir gut funktioniert hat, aber dein Kopf ist deiner, und du kennst ihn besser als ich.

Zum Schluss

Ängste im Klartraum zu konfrontieren ist für mich eine der lohnendsten Sachen überhaupt, die das luzide Träumen zu bieten hat. Es hat mein Verhältnis zu Albträumen komplett gedreht. Was mich früher gequält hat, ist heute oft der schnellste Weg in einen Klartraum, und der Moment, in dem ich mich umdrehe und der Angst ins Gesicht schaue, statt davonzulaufen, ist jedes Mal aufs Neue ein kleiner Triumph.

Halt dir die paar Kernsachen vor Augen. Im Traum kann dir nichts wirklich passieren, also bist du sicher. Dein Unterbewusstsein versteht kein Nein, also denk in positiven Bildern. Wende dich der Angst zu, sprich sie an, lass sie sich verwandeln. Halt dich mit den Sinnen im Traum, damit dich die Aufregung nicht rauswirft. Und geh behutsam, in deinem Tempo, mit dem Notausgang immer in Reichweite.

Wenn du tiefer in die Kunst einsteigen willst, deinen Traum zu lenken, schau dich in Ruhe auf der Traumkontrolle um. Dort findest du alles, was du brauchst, um vom Beobachter deiner Träume zu ihrem Gestalter zu werden. Und vielleicht erlebst du dann selbst diesen Moment, in dem du dich umdrehst, der Angst in die zerfliessenden Augen schaust und merkst, dass da viel weniger Schrecken war, als du immer geglaubt hast.