Vor ein paar Jahren stand ich in einem Klartraum vor einer schlichten Holztür in einem leeren Flur. Ich war frisch luzid geworden und hatte keinen Plan, wohin es gehen sollte. Also dachte ich mir, hinter dieser Tür liegt ein Strand. Kein bestimmter, einfach ein Strand. Ich legte die Hand auf die Klinke und war mir in dem Moment vollkommen sicher, dass mich gleich warmer Sand und Meeresrauschen empfangen. Ich öffnete, und genau das war da. Salzige Luft, Wellen, blendendes Licht. Dann kam mir ein blöder Gedanke. Was, wenn hinter mir jemand steht? Kaum hatte ich das gedacht, spürte ich eine Präsenz im Rücken. Ich drehte mich um, und tatsächlich stand da eine Gestalt, das Gesicht wie immer leicht verschwommen, als würde es schmelzen und sich neu zusammensetzen. In dem Moment ist bei mir der Groschen so richtig gefallen. Es war egal, ob ich etwas Schönes oder etwas Mulmiges erwartete. Der Traum lieferte beides prompt. Den Ausschlag gab meine Erwartung, mein blosser Wunsch spielte dabei kaum eine Rolle.
Seitdem achte ich darauf, was ich im Traum eigentlich erwarte, denn das ist der eigentliche Hebel hinter fast allem. In diesem Text geht es genau darum, wie die Erwartung im Klartraum deine Wahrnehmung steuert und wie du das für dich nutzen kannst, statt dass es dich überrumpelt.
Erwartung ist der unsichtbare Hebel
Wenn ich nach über 15 Jahren eine einzige Sache nennen müsste, die im Traum am meisten bewegt, dann wäre es die Erwartung. Sie steckt hinter dem Fliegen, hinter dem Erschaffen, hinter dem Wechseln ganzer Szenen, und sie arbeitet die ganze Zeit im Hintergrund, ob du sie bewusst einsetzt oder nicht. Das ist der Punkt, den viele am Anfang übersehen. Sie denken, sie müssten den Traum mit Willenskraft zwingen, dabei reicht es oft, einfach fest mit etwas zu rechnen.
Bei mir war das lange ein blinder Fleck. Ich habe mich gefragt, warum manche Dinge mühelos klappten und andere überhaupt nicht. Heute weiss ich, es lag selten am Wollen. Es lag daran, womit ich insgeheim gerechnet habe. Wenn ich erwartet habe, dass etwas schwierig wird, dann wurde es schwierig. Wenn ich es als selbstverständlich angenommen habe, dann lief es von allein.
Die Erwartung ist deshalb so mächtig, weil sie schneller ist als dein bewusster Wille. Der Traum reagiert auf das, was du im Kern für wahr hältst, und nicht auf das, was du dir vornimmst. Du kannst dir tausendmal sagen, dass du jetzt durch die Wand gehst, doch wenn du tief drin damit rechnest, dass die Wand fest ist, dann bleibt sie fest. Genau deshalb ist es so wichtig, dass du verstehst, wie dieser Mechanismus tickt.
Ich sehe die Erwartung als eine Art Voreinstellung. Bevor überhaupt etwas passiert, hast du schon eine Annahme im Kopf, wie es ausgeht. Der Traum liest diese Annahme und baut die Szene danach. Wenn du das einmal begriffen hast, schaust du mit ganz anderen Augen auf deine Klarträume. Du fängst an, deine eigenen Annahmen zu beobachten, und du merkst, wie oft sie sich vor deinen Augen erfüllen.
Was du erwartest, hinter der Tür, im Rücken, im Spiegel
Am deutlichsten zeigt sich das immer dort, wo du gerade nichts sehen kannst. Das ist mein liebstes Beispiel, weil es so verlässlich funktioniert. Stell dir eine Tür vor, hinter der du etwas erwartest. Solange die Tür zu ist, gibt es für deinen Traum noch keine Szene dahinter. Er muss sie erst erschaffen, und er nimmt dafür genau das, womit du rechnest. Erwartest du einen Strand, dann liegt da ein Strand. Erwartest du eine dunkle Treppe, dann liegt da eine dunkle Treppe.
Genau dasselbe passiert hinter deinem Rücken. Dein Sichtfeld ist im Traum begrenzt, ungefähr so wie im Wachen, du siehst immer nur das, was vor dir liegt. Was hinter dir ist, steht offen. In dem Moment, in dem du dir denkst, da hinten steht bestimmt jemand, hat dein Traum schon angefangen, genau das zu bauen. Drehst du dich um, ist die Gestalt da. Bei mir war das in der Strand-Szene von vorhin der reinste Lehrmoment. Ich hatte nicht gewollt, dass jemand hinter mir steht. Ich hatte es nur kurz für möglich gehalten, und schon war es Tatsache.
Der Spiegel ist ein weiterer Klassiker, und ein berüchtigter dazu. Viele Leute berichten, dass Spiegel im Traum seltsame, manchmal beunruhigende Bilder zeigen. Das liegt selten am Spiegel selbst. Es liegt daran, womit du beim Hineinschauen rechnest. Wenn du an einen Spiegel trittst und insgeheim befürchtest, dass dir ein fremdes oder verzerrtes Gesicht entgegenblickt, dann erschafft dein Traum genau das. Erwartest du dein normales Gesicht, kommt eher dein normales Gesicht. Bei mir bleibt es dabei leicht verschwommen, als würde es ständig neu zusammenlaufen.
Das Schöne an diesen drei Beispielen ist, dass sie dir die Mechanik in Reinform zeigen. Überall dort, wo der Traum noch keine fertige Szene hat, füllt er die Lücke mit deiner Erwartung. Wer mehr zu den Methoden mit Türen und dem Umdrehen wissen will, findet das ausführlich in meinem Text über das Fliegen und Fortbewegen. Hier geht es mir um die Stufe darunter, also um die Annahme, die jede dieser Methoden überhaupt erst zum Laufen bringt.
Erwartung ist Glaube in Aktion
Vielleicht denkst du jetzt, das klingt verdächtig nach dem, was über den Glauben im Traum erzählt wird. Genau so ist es. Erwartung und Glaube sind im Grunde dasselbe, nur aus zwei Blickwinkeln. Der Glaube ist die innere Überzeugung, dass etwas geht. Die Erwartung ist diese Überzeugung im Moment des Geschehens, also Glaube in Aktion.
Im Traum entscheidet deine Überzeugung über alles, das ist der harte Kern der ganzen Traumkontrolle. Wenn du fliegen willst, aber im Hinterkopf zweifelst, dann hebst du nicht ab. Die Erwartung ist die konkrete Ausprägung dieses Glaubens. In dem Moment, in dem du abspringst, rechnest du entweder fest damit, oben zu bleiben, oder du rechnest insgeheim mit dem Fall. Womit du rechnest, das tritt ein. Wie das im Detail zusammenhängt, beschreibe ich in meinem Text dazu, wie Traumkontrolle funktioniert.
Mir hilft dieser Blickwinkel, weil Glaube oft so gross und abstrakt klingt. Erwartung ist viel handlicher. Du musst nicht an dich selbst glauben wie ein Mönch. Du musst nur fest mit einem Ergebnis rechnen. Das ist etwas, das du im Alltag dauernd machst. Du erwartest, dass das Licht angeht, wenn du den Schalter drückst, und es geht an. Genau diese selbstverständliche Erwartung willst du in den Traum mitnehmen.
Und hier kommt die Visualisierung ins Spiel. Wenn ich im Wachen eine Sache lebhaft durchspiele, baue ich damit eine Erwartung auf. Ich lehre mein Gehirn, dass das Fliegen oder das Durch-die-Wand-Gehen normal ist. Im Traum greift es dann auf diese Erwartung zurück, als wäre sie schon hundertmal passiert. Das ist der Grund, warum mir das Fliegen von Anfang an leichtfiel. Ich habe es nie angezweifelt, also habe ich immer damit gerechnet, und die Erwartung hat den Rest erledigt.
Die Kehrseite, negative Erwartung erschafft Negatives
Jetzt kommt der Teil, den du wirklich verinnerlichen solltest, weil er dir sonst die schönsten Träume vermasselt. Die Erwartung ist neutral. Sie liefert dir genauso zuverlässig das Unangenehme wie das Schöne. Wenn du erwartest, dass etwas schiefgeht, dann geht es schief. Das ist mir oft genug passiert, dass ich es ernst nehme.
Der Grund dahinter ist eine Sache, die ich für eine meiner nützlichsten Entdeckungen halte. Dein Unterbewusstsein versteht kein Nein. Es ignoriert die Verneinung komplett. Wenn du dir denkst, hoffentlich steht da hinten kein Monster, dann hört dein Traum vor allem das Wort Monster und stellt dir prompt eines hin. Das Wörtchen kein fällt dabei einfach unter den Tisch. Genau das ist mir früher passiert, bevor ich es kapiert habe.
Seitdem formuliere ich im Traum nur noch positiv. Statt zu denken, hoffentlich findet es mich nicht, denke ich, es geht an mir vorbei. Und es geht an mir vorbei, jedes Mal. Das klingt fast zu einfach, aber es ist einer der zuverlässigsten Tricks, die ich kenne. Du lenkst deine Erwartung bewusst auf das, was du haben willst, statt auf das, was du fürchtest.
Das gilt für die Wahrnehmung genauso wie für ganze Szenen. Wenn du dir vor dem Spiegel denkst, hoffentlich sieht mein Gesicht nicht gruselig aus, hast du gerade gruselig in den Raum gestellt. Besser ist, du richtest deine Erwartung auf das, was du sehen willst, also auf dein ruhiges, normales Gesicht. Es braucht ein bisschen Übung, die eigenen Gedanken so umzustellen, weil wir im Wachen ständig in Verneinungen denken. Im Traum lohnt es sich aber doppelt, weil die Folgen sofort sichtbar werden.
Ein netter Nebeneffekt davon ist, dass mich Albträume kaum noch schrecken. Wenn ich in einem Albtraum lande, werde ich fast automatisch luzid, und sobald ich luzid bin, kann ich die Erwartung umdrehen. Ich erwarte dann, dass die Bedrohung schrumpft oder einfach an mir vorbeizieht, und genau das tut sie. Aus einem Schreck wird so eine Übung in Erwartungssteuerung.
Erwarte Schärfe, Geschmack und Stabilität
Bis hierher ging es viel um Szenen und um das Erschaffen. Jetzt kommt der Teil, der mir besonders am Herzen liegt, weil er oft untergeht. Du kannst die Erwartung nämlich genauso für deine reine Wahrnehmung nutzen, also für die Qualität dessen, was du siehst, schmeckst und spürst. Das macht den Unterschied zwischen einem blassen, wackeligen Traum und einem, der knackig und echt wirkt.
Fangen wir mit der Schärfe an. Wenn ein Traum verschwimmt oder fad wird, halte ich mich oft an einem Detail fest und erwarte, dass es scharf wird. Ich schaue auf meine Hand, auf die Maserung einer Wand oder auf Blätter an einem Baum und rechne fest damit, dass die Details hervortreten. Meistens tun sie das dann auch. Die Erwartung von Schärfe bringt Schärfe. Wer tiefer in dieses Thema einsteigen will, findet bei mir einen eigenen Text dazu, wie du deine Sinne im Traum schärfst.
Beim Geschmack ist es genauso, und das ist eine meiner liebsten Spielereien. Ich finde im Traum gern eine Bar oder ein Lokal, das ich nicht bewusst herbeigerufen habe, und probiere mich durch alles durch. Das Verrückte ist, dass jede Frucht und jedes Getränk anders schmeckt, oft intensiver als im Wachen. Ein guter Teil davon ist die Erwartung. Wenn ich in eine Frucht beisse und damit rechne, dass sie umwerfend schmeckt, dann tut sie das. Erwarte ich nichts, bleibt der Geschmack flau. Du kannst dir den Geschmack also regelrecht bestellen, indem du fest damit rechnest.
Und dann die Stabilität, also wie lange du überhaupt im Traum bleibst. Ich habe hier meine Grenzen, ich kippe oft nach ein paar Minuten wieder raus. Trotzdem hilft die Erwartung. Wenn ich spüre, dass der Traum wegzudriften droht, und ich mir denke, gleich ist alles vorbei, dann beschleunige ich das Ende nur. Rechne ich dagegen fest damit, dass die Szene stabil bleibt und sich sogar festigt, gewinne ich oft ein paar wertvolle Minuten dazu. Das ist kein Wundermittel, und bei dir kann es anders sein, aber den Versuch ist es immer wert.
Was du daraus mitnehmen sollst, ist simpel. Die Wahrnehmung im Traum ist nicht fix vorgegeben. Sie folgt deiner Erwartung genauso wie alles andere. Wenn dir ein Traum zu blass, zu fad oder zu wackelig vorkommt, dann erwarte aktiv das Gegenteil. Erwarte Schärfe, erwarte Geschmack, erwarte Halt. Du wirst überrascht sein, wie oft der Traum mitspielt.
Wenn die Erwartung zum Befehl wird
Es gibt eine Stufe, auf der die Erwartung von einer stillen Annahme zu etwas Ausgesprochenem wird. Manchmal reicht es schon, die Erwartung in Worte zu fassen und sie laut in den Traum zu rufen, statt nur im Kopf mit etwas zu rechnen. Genau das sind verbale Befehle, und ich sehe sie als die ausgesprochene Form der Erwartung.
Wenn ich in den Raum rufe, dass jetzt alles scharf und klar wird, dann ist das nichts anderes als eine Erwartung, die ich verstärke, indem ich sie ausspreche. Das Reden gibt der Annahme mehr Gewicht. Es ist, als würdest du dir selbst und dem Traum gegenüber bekräftigen, womit du rechnest. Bei mir wirkt das oft stärker als ein blosser Gedanke, vor allem dann, wenn ein Gedanke allein zu schwach ist, um den Zweifel zu übertönen.
Dabei gilt dieselbe Regel wie vorhin. Auch ein Befehl muss positiv formuliert sein. Wenn du in den Traum rufst, dass dich das Monster nicht erwischen soll, hast du gerade laut das Monster bestellt. Ruf stattdessen, dass es verschwindet oder an dir vorbeigeht. Der ausgesprochene Befehl folgt exakt denselben Gesetzen wie die stille Erwartung, nur lauter. Wie ich das genau einsetze, beschreibe ich im Text über verbale Befehle an den Traum.
Ich nutze Befehle gern als Verstärker, wenn die reine Erwartung wackelt. Manchmal merke ich, dass ich selbst nicht ganz überzeugt bin, dass etwas klappt. In dem Moment hilft es, die Erwartung laut auszusprechen, weil das den Zweifel überschreibt. Es ist eine Art, sich selbst zu überzeugen, mitten im Traum. Probier beides aus und schau, was bei dir besser zieht, die stille Annahme oder das laute Wort. Bei mir hängt es oft von der Tagesform ab.
Lerne, deine eigene Erwartung zu lesen
Wenn du nur eine Sache aus diesem Text mitnimmst, dann diese. Im Klartraum tritt fast alles ein, womit du fest rechnest, im Guten wie im Schlechten. Die Erwartung ist der unsichtbare Hebel hinter dem Erschaffen, hinter der Fortbewegung und hinter deiner gesamten Wahrnehmung. Sie arbeitet die ganze Zeit, also kannst du genauso gut lernen, sie bewusst zu steuern.
Der Weg dahin beginnt damit, dass du deine eigenen Annahmen beobachtest. Frag dich im Traum immer wieder, womit ich gerade eigentlich rechne. Sobald du das siehst, kannst du es umlenken. Du richtest deine Erwartung auf das Schöne statt auf das Mulmige, du formulierst positiv, weil dein Unterbewusstsein kein Nein kennt, und du erwartest aktiv Schärfe, Geschmack und Halt, wenn der Traum zu verblassen droht.
Das braucht Übung, wie alles in diesem Feld, und bei dir kann manches anders laufen als bei mir. Doch der Grundsatz ist verlässlich. Lerne, deine Erwartung zu lesen und sanft zu lenken, dann lenkst du den halben Traum. Wenn du tiefer einsteigen willst, schau dich in der Traumkontrolle um, dort hängen alle Bausteine zusammen, und die Erwartung ist der Faden, der sich durch jeden einzelnen davon zieht.
