Es war in einer dieser Szenen, die sich beim Umdrehen einfach ergeben hatten. Ich stand in einer Art alter Markthalle, das Licht fiel schräg durch ein Glasdach, und an einem der Stände lehnte ein Mann, den ich noch nie gesehen hatte. Sein Gesicht wollte nicht ganz stillhalten, wie das bei Traumfiguren immer ist, es verschob sich leicht, sobald ich genauer hinsah. Ich war voll luzid und hatte gerade keine grosse Mission, also ging ich einfach hin und fragte ihn, was ich hier eigentlich solle. Er schaute mich an und sagte einen Satz, der mich bis heute beschäftigt. Er sagte, ich würde immer dann hierherkommen, wenn ich im Wachen etwas nicht zu Ende gedacht hätte. Ich stand da und wusste sofort, dass er recht hatte, obwohl ich diesen Gedanken nie bewusst gehabt hatte. Die Antwort kam aus einer Ecke meines eigenen Kopfes, die ich nicht kannte. Genau das ist der Grund, warum ich so gern mit Traumfiguren spreche.
Solche Momente sind für mich der interessanteste Teil der ganzen Sache. Du kannst im Traum fliegen, Schwerter hinter deinem Rücken hervorziehen und durch Türen in fremde Welten gehen. Aber ein Gespräch mit einer Figur, die du gar nicht bewusst erschaffen hast, ist eine andere Art von Erlebnis. Es fühlt sich weniger nach Spielen an und mehr nach einem Blick in den eigenen Keller. Lass mich dir zeigen, wie das geht und was du dabei herausholen kannst.
Du kannst sie ansprechen, und die Antwort kommt aus dir
Das Erste, was du wissen musst, ist beruhigend simpel. Du kannst Traumfiguren ansprechen, und sie antworten dir. Du musst sie nicht überreden, nicht beschwören, nichts Besonderes tun. Du gehst hin und redest, wie du mit jedem anderen reden würdest. Und meistens reden sie zurück.
Der Punkt, den du dabei nie vergessen solltest, ist der wichtigste überhaupt. Was sie sagen, kommt aus deinem eigenen Geist. Niemand im Traum ist eine eigenständige Person mit einem eigenen Kopf. Die Figur vor dir ist eine Erfindung deines Gehirns, und alles, was aus ihrem Mund kommt, hast in irgendeiner Form du selbst produziert. Das klingt erst einmal ernüchternd, ist aber genau das, was die Gespräche so spannend macht. Du redest im Grunde mit dir selbst, nur mit einem Teil von dir, an den du wach nicht so leicht herankommst.
Ich finde dieses Bild hilfreich. Stell dir vor, dein bewusster Verstand ist nur der kleine Teil von dir, der gerade das Wort hat. Darunter liegt ein riesiger Apparat, der ständig mitrechnet, Eindrücke verarbeitet und Schlüsse zieht, ohne dich zu fragen. Im Wachen kommst du da kaum hin. Im Traum aber kann sich dieser Apparat einen Körper geben, sich an einen Marktstand lehnen und dir antworten. Die Traumfigur ist quasi das Sprachrohr für den Teil von dir, der sonst stumm bleibt.
Das ist auch der Grund, warum die Antworten dich überraschen können. Wenn alles, was du hörst, schon bewusst in deinem Kopf läge, wäre das Gespräch langweilig. Du wüsstest die Antwort ja vorher. Der Reiz liegt genau darin, dass dein Unterbewusstsein dir manchmal Dinge sagt, die du wach nie so formuliert hättest.
Wie du ein Gespräch anfängst
Der Anfang eines Gesprächs ist einfacher, als die meisten denken. Du brauchst dafür keine besondere Technik, nur die richtige Haltung. Geh ruhig auf die Figur zu, stell eine klare Frage und rechne fest mit einer Antwort. Diese drei Schritte sind alles, und der dritte ist der entscheidende.
Geh erst einmal ruhig zu. Renn nicht auf die Figur zu und überfall sie nicht, denn Hektik reisst dich schnell aus dem Traum. Ich nähere mich so, wie ich mich einem Fremden auf der Strasse nähern würde, eher gelassen. Wenn ich zu aufgeregt bin, weil ich gerade luzid geworden bin, beruhige ich mich erst und schaue mich kurz um, bevor ich jemanden anspreche. Eine ruhige Annäherung hält dich stabiler im Traum und gibt der Figur Zeit, fest zu werden.
Dann stell eine klare Frage. Damit meine ich eine Frage, die du dir selbst auch klar beantworten könntest, wenn du sie verstanden hast. Schwammige Fragen bekommen schwammige Antworten. Wenn ich frage, was hier so läuft, bekomme ich oft nur ein Schulterzucken. Wenn ich konkret frage, was dieser Ort mit mir zu tun hat, bekomme ich eine richtige Antwort. Je präziser deine Frage, desto präziser greift dein Unterbewusstsein zu.
Der wichtigste Teil ist der dritte. Du musst fest mit einer Antwort rechnen. Das ist genau dasselbe Prinzip, das im ganzen Traum gilt und das ich in fast jedem Artikel wiederhole. Dein Glaube entscheidet über alles. Wenn du innerlich zweifelst, ob die Figur überhaupt antworten wird, dann wird sie es oft nicht. Sie steht dumm da, schaut weg oder löst sich auf. Erwartest du dagegen mit voller Selbstverständlichkeit, dass gleich eine Antwort kommt, dann kommt sie meistens auch. Die Erwartung ist die Mechanik dahinter. Du programmierst mit deiner Erwartung praktisch vor, dass der Mund sich öffnet und etwas Sinnvolles sagt.
Bei mir läuft das inzwischen automatisch ab, aber am Anfang musste ich mir das bewusst klarmachen. Ich habe vor dem Ansprechen kurz gedacht, dass diese Figur natürlich antworten wird, weil das im Traum eben so ist. Dieser eine Gedanke macht den Unterschied zwischen einem stummen Statisten und einem echten Gespräch.
Eine kleine Warnung noch. Die Figuren sehen nie ganz richtig aus, und das ändert sich auch im Gespräch nicht. Das Gesicht meines Marktmanns ist die ganze Zeit leicht zerflossen, wie geschmolzenes Eis, das sich immer wieder neu formt. Lass dich davon nicht stören und vor allem nicht aus dem Traum reissen. Es ist völlig normal und gehört dazu.
Was sich zu fragen lohnt
Jetzt zur eigentlichen Frage, nämlich was du überhaupt fragen sollst. Da gibt es kein richtig oder falsch, aber ein paar Sorten von Fragen haben sich bei mir besonders bewährt. Ich teile sie grob in drei Gruppen.
Die erste und einfachste ist die Frage nach dem Weg. Das klingt banal, ist aber überraschend nützlich. Wenn ich in einer Szene feststecke und nicht weiterweiss, frage ich eine Figur einfach, wo es langgeht oder wo ich etwas Bestimmtes finde. Oft zeigt sie mir dann eine Richtung, und tatsächlich liegt dort etwas Neues. Das funktioniert, weil dein Unterbewusstsein den Traum ohnehin baut. Du fragst also den Architekten höchstpersönlich nach dem Bauplan. Praktisch ist das auch, wenn du eine Tür suchst oder zu einem Ort willst, den du noch nicht siehst.
Die zweite Gruppe sind Fragen nach einem Rat. Hier wird es interessanter. Du kannst eine Figur nach ihrer Meinung zu etwas fragen, das dich beschäftigt. Ich habe schon Traumfiguren gefragt, was sie an meiner Stelle tun würden, und manchmal kommen erstaunlich klare Ansagen zurück. Du holst dir damit eine Aussensicht auf dein eigenes Problem, auch wenn diese Aussensicht in Wahrheit von innen kommt. Es ist ein bisschen wie ein Gespräch mit einem klugen Freund, nur dass dieser Freund alles über dich weiss, weil er du ist.
Die dritte Gruppe ist die persönlichste. Du kannst nach etwas fragen, das dich gerade wirklich umtreibt. Eine Entscheidung, eine Sorge, eine Frage, auf die du wach keine Antwort findest. Genau da kommt mein Eingangserlebnis ins Spiel. Ich hatte den Mann am Marktstand nichts Tiefes gefragt, und trotzdem kam etwas Tiefes zurück. Wenn du gezielt nach so etwas fragst, kann es passieren, dass dein Unterbewusstsein dir einen Gedanken anbietet, den du wach noch nicht zugelassen hast. Ich will da nichts versprechen, denn manchmal kommt auch nur Quatsch. Aber wenn es trifft, dann trifft es.
Ein Hinweis aus eigener Erfahrung. Frag eine Sache pro Gespräch, nicht zehn auf einmal. Im Traum verliere ich schnell den Faden, und wenn ich die Figur mit Fragen überschütte, zerfällt die Szene. Eine klare Frage, eine Antwort, das verdauen, vielleicht eine Rückfrage. So bleibt das Gespräch stabil und ich behalte etwas davon, wenn ich aufwache.
Warum die Antworten so interessant sind
Ich habe es oben schon angedeutet, aber es lohnt sich, genauer hinzuschauen. Der Reiz an diesen Gesprächen liegt darin, dass dein Unterbewusstsein antwortet, und es antwortet oft anders, als du es erwartet hättest.
Dein Gehirn arbeitet im Traum nicht so geordnet wie im Wachen. Es zieht Verbindungen, die deinem wachen Verstand zu absurd wären, und genau dabei kommen manchmal die guten Sachen heraus. Eine Traumfigur sagt dir einen Satz, und du spürst sofort, dass da etwas dran ist, obwohl du diesen Gedanken nie selbst gehabt hast. Das ist kein Zauber und nichts Übersinnliches. Es ist einfach ein Teil von dir, der mehr verarbeitet hat, als dir bewusst ist, und der im Traum endlich zu Wort kommt.
Mich fasziniert vor allem dieser Moment der Überraschung. Wenn ich eine Antwort höre und kurz denke, dass ich das ja so nie hätte sagen können. Genau dann weiss ich, dass ich an einer Schicht gekratzt habe, an die ich sonst nicht herankomme. Es ist dasselbe Staunen, das ich hatte, als das luzide Träumen für mich zum ersten Mal funktionierte. Du merkst, dass in deinem eigenen Kopf mehr steckt, als du dachtest.
Natürlich kommt nicht immer Gold heraus. Oft sind die Antworten belanglos, manchmal wirr, manchmal lustig. Eine Figur hat mir einmal todernst einen ausführlichen Rat zu einem Problem gegeben, das ich gar nicht habe. Im Traum wirkte das vollkommen logisch, beim Aufwachen war es Unsinn. Das gehört dazu, und du solltest die Antworten nicht überhöhen. Sieh sie als das, was sie sind, nämlich Material aus deinem eigenen Inneren, mal brauchbar, mal nicht.
Niemand im Traum ist eine echte Person
An dieser Stelle muss ich kurz die Bremse ziehen und etwas geraderücken, weil es leicht in die falsche Richtung kippt. So spannend diese Gespräche sind, niemand im Traum ist eine echte Person. Die Figur, mit der du sprichst, hat kein eigenes Bewusstsein, keine Gefühle und kein Leben ausserhalb deines Traums. Sie ist vollständig deine Schöpfung.
Ich sage das, weil mancher anfängt, seinen Traumfiguren echte Eigenständigkeit zuzuschreiben. Man redet ein paar Mal mit einer klugen Gestalt, bekommt überraschende Antworten und denkt sich, da müsse doch mehr dahinterstecken. Tut es nicht. Die Klugheit der Figur ist deine eigene Klugheit, nur anders verpackt. Wenn dich das tiefer interessiert, habe ich dazu einen eigenen Artikel über Traumfiguren und Ethik geschrieben, in dem ich genauer erkläre, warum ich Traumfiguren als das sehe, was sie sind, und warum das auch dir guttut.
Das ist übrigens keine kalte Sicht, im Gegenteil. Es nimmt dir den Druck. Du musst dir keine Sorgen machen, ob du eine Figur verletzt, ob sie dir etwas übelnimmt oder ob ein Gespräch Folgen hat. Es ist dein Kopf, dein Spielplatz, deine Unterhaltung mit dir selbst. Diese Freiheit ist ein Geschenk, und sie macht das Reden mit Traumfiguren erst so unbeschwert.
Gerade weil keine echte Person dahintersteht, kannst du auch ganz schamlos neugierig sein. Du kannst Dinge fragen, die du dich im Wachen vor einem echten Menschen nie trauen würdest. Du blamierst dich nicht, du verletzt niemanden, du bekommst nur eine Antwort aus dir selbst. Nutz das ruhig aus.
Ein Werkzeug neben anderen
Mit Traumfiguren sprechen ist für mich eine von mehreren Arten, an mein Unterbewusstsein heranzukommen. Es ist nicht die einzige, und je nachdem, was du suchst, passt mal die eine, mal die andere besser.
Wenn es dir vor allem darum geht, eine Antwort aus dir herauszuholen, dann musst du das nicht zwingend über eine Figur machen. Du kannst auch direkter vorgehen. Wie das funktioniert, beschreibe ich im Artikel über das das Unterbewusstsein fragen. Der Unterschied ist fein. Beim Gespräch mit einer Figur bekommt die Antwort ein Gesicht und eine Stimme, was vielen leichter fällt, weil es sich nach einem echten Dialog anfühlt. Probier beides aus und schau, was dir mehr liegt.
Und manchmal will man mit jemand Bestimmtem reden statt mit irgendwem. Vielleicht möchtest du eine Figur gezielt vor dir haben, statt zu nehmen, wer gerade in der Szene herumsteht. Dann geht es ums Herbeirufen, und das ist eine eigene Kunst für sich. Personen sauber herbeizurufen ist bei mir bis heute das Schwierigste überhaupt. Sie lassen sich nie ganz sauber herzaubern und sehen nie ganz richtig aus, das Bild kippt mir ständig weg. Wie ich es trotzdem hinbekomme, steht im Artikel über eine Person herbeirufen. Hast du eine Figur erst einmal vor dir, läuft das Gespräch dann wieder genau so, wie ich es oben beschrieben habe.
Für mich gehört das alles zusammen. Eine Figur herbeirufen, sie ansprechen, eine Antwort bekommen und dahinter das eigene Unterbewusstsein erkennen. Es sind verschiedene Griffe am selben Werkzeugkasten, und mit der Zeit greifst du wie von selbst zum richtigen.
Probier es bei deinem nächsten Klartraum
Mit Traumfiguren sprechen ist eines der unterschätzten Dinge, die du im Klartraum tun kannst. Es macht weniger Spektakel als das Fliegen und weniger Lärm als das Erschaffen, aber es bringt dir etwas mit, das die anderen Spielereien nicht haben. Einen Blick in dich selbst.
Mach es dir einfach. Geh beim nächsten Mal, wenn du luzid bist und gerade nichts Grosses vorhast, einfach auf eine Figur zu. Stell eine klare Frage und rechne fest mit einer Antwort. Hör zu, was kommt, und lass dich überraschen. Behalte dabei im Kopf, dass alles, was du hörst, aus dir selbst stammt, und nimm die Antworten weder zu ernst noch zu leicht. Manchmal ist es Unsinn, manchmal ein Satz, der dich noch Tage später beschäftigt, so wie mich der Mann am Marktstand.
Wenn du tiefer in die Steuerung deiner Träume einsteigen willst, findest du den Rest meiner Methoden gesammelt im Überblick zur Traumkontrolle. Das Reden mit Traumfiguren ist nur eine Tür von vielen, aber es ist eine, hinter der du dir selbst begegnest. Und das ist, finde ich, mit das Erstaunlichste, was dieser ganze seltsame Sport zu bieten hat.
