Eines Morgens, nach einem dieser kurzen Klarträume, in denen ich gerade wieder durchs offene Fenster geflogen war, blieb ich mitten in der Luft hängen und dachte mir: warte mal. Wenn ich einfach hier oben bleiben kann, nur weil ich es glaube, was geht dann noch alles? Also liess ich mich auf eine Strasse sinken, streckte die Hand nach einem geparkten Auto aus und hob es hoch. Kein Ruck, keine Anstrengung, es schwebte einfach. Ich fühlte mich wie einer dieser Psychiker aus den Filmen, deren Kraft genau so stark ist wie ihre Überzeugung. In dem Moment war ich vollkommen überzeugt, und genau deshalb klappte es. Lange hielt der Traum nicht, ich war zu aufgeregt und kippte nach kurzer Zeit wieder raus. Am Morgen rutschte ich noch zweimal zurück, jedes Mal nur für ein paar Minuten. Aber dieser eine Gedanke blieb hängen, und er hat meine Träume verändert.
Seitdem behandle ich den Klartraum als das, was er ist. Eine Bühne, auf der ich tun kann, was ich will, solange ich es nur fest genug glaube. Superkräfte im Traum sind dabei mein liebster Spielplatz geworden.
Im Klartraum bist du übermächtig, wenn du es glaubst
Lass uns gleich am Anfang klarmachen, worum es hier geht. Sobald du luzid bist, gibt es keine Regeln mehr, die du nicht selbst aufstellst. Die Schwerkraft ist eine Empfehlung, kein Gesetz. Deine Muskelkraft ist eine Idee, kein Limit. Alles, was dich im Wachen einschränkt, gilt im Traum nur so lange, wie du daran festhältst. Und genau hier kommen Superkräfte ins Spiel.
Ich sehe Superkräfte im Traum als die natürliche Fortsetzung von allem, was Traumkontrolle ausmacht. Du hast vielleicht schon gelernt zu fliegen, du hast vielleicht schon Dinge erschaffen oder dich teleportiert. Superkräfte sind dieselbe Sache, nur eine Stufe wilder. Statt dich selbst durch die Luft zu bewegen, bewegst du die Welt um dich herum. Statt einen Gegenstand zu erschaffen, schiesst du Feuer aus den Händen. Es ist derselbe Mechanismus, nur grösser gedacht.
Und ich gebe zu, es macht einfach unfassbar Spass. Es gab eine Zeit, in der ich fast jeden Morgen luzid wurde, und irgendwann wurde mir sogar langweilig. Wenn du Gott in deinem eigenen Universum bist, verliert vieles seinen Reiz. Superkräfte waren eines der Dinge, die mir die Lust zurückgebracht haben, weil sie sich nie ganz vorhersehbar anfühlen. Du weisst vorher nicht genau, wie sich die Energie zwischen deinen Händen anfühlen wird, und dieser kleine Funke Überraschung hält die Sache spannend.
Bevor wir in die einzelnen Kräfte einsteigen, eine kleine Vorwarnung. Bei mir hat nicht jede Kraft sofort funktioniert. Manche kamen wie von selbst, andere brauchten viele Anläufe, und ein paar habe ich bis heute nicht richtig im Griff. Das ist normal, und ich sage dir später auch, woran das liegt. Nimm das hier als Landkarte, nicht als Versprechen.
Die Liste: was tatsächlich geht
Es gibt keine vollständige Liste, weil im Grunde alles geht. Aber es gibt ein paar Klassiker, die fast jeder ausprobiert und die einen guten Einstieg bilden. Hier sind die, die ich am häufigsten benutze und mit denen du am ehesten Erfolg haben wirst.
Fliegen. Das ist die Superkraft schlechthin und mein absoluter Favorit. Es kam mir von Anfang an leicht, und ich komme immer wieder darauf zurück. Weil Fliegen so ein eigenes, grosses Thema ist, habe ich ihm einen kompletten Artikel gewidmet. Wenn du noch nicht abheben kannst, fang dort an, beim Fliegen und der Fortbewegung. Es ist der beste erste Schritt, weil du schnell ein Erfolgserlebnis hast, und dieses Erfolgserlebnis füttert genau den Glauben, auf den alles andere aufbaut.
Dinge mit Gedanken bewegen. Telekinese, also Gegenstände allein mit dem Willen heben und schleudern. Das war meine erste Kraft nach dem Fliegen, und sie fühlt sich grossartig an. Ich strecke meistens die Hand aus, als würde ich den Gegenstand greifen, auch wenn er weit weg ist, und ziehe ihn dann zu mir oder hebe ihn an. Die Geste hilft mir, weil mein Gehirn dann etwas hat, an dem es sich festhalten kann. Mit etwas Übung brauchst du nicht mal mehr die Hand, ein Blick reicht.
Feuer oder Energie aus den Händen. Das ist der Klassiker aus jedem Superhelden- und Fantasyfilm. Bei mir startet es als Wärme in den Handflächen, dann lasse ich sie wachsen. Manchmal ist es Feuer, manchmal eine Art leuchtende Energie, einmal war es so etwas wie Blitz. Wichtig ist, dass du dem Ding erlaubst, sich aufzubauen, ähnlich wie man im Traum manche Effekte langsam wachsen lassen muss. Wenn du es erzwingst, zerfällt es oft wieder.
Unverwundbarkeit. Diese Kraft ist eher passiv, aber unglaublich nützlich. Du entscheidest einfach, dass dir nichts passieren kann. Kugeln prallen ab, Stürze tun nicht weh, Feuer berührt dich nicht. Ich nutze das gern in Träumen, die ins Bedrohliche kippen. Statt wegzulaufen stelle ich mich hin und weiss, dass mir nichts geschehen kann. Das funktioniert übrigens auch wunderbar gegen Albträume, denn sobald ich luzid bin, kann mir der Albtraum nichts mehr anhaben.
Übermenschliche Stärke. Autos heben, Mauern eindrücken, mit einem Sprung über ein Haus. Stärke ist im Traum eigentlich nur ein anderes Wort dafür, dass du beschliesst, etwas sei leicht. Das Auto aus meiner Geschichte am Anfang war genau das. Es war nicht schwer, weil ich nie auf die Idee kam, dass es schwer sein könnte.
Das sind die fünf, mit denen ich am meisten anfangen kann. Aber wie gesagt, die Liste ist offen. Unsichtbarkeit, die Zeit verlangsamen, dich in etwas anderes verwandeln, all das geht ebenfalls, wenn du den Dreh raushast.
Der eine Schlüssel: dein Glaube und deine Erwartung
So, jetzt zum Herzstück. Wenn du nur eine Sache aus diesem Artikel mitnimmst, dann diese. Im Traum entscheidet dein Glaube über alles. Das ist keine schöne Floskel, das ist der harte Kern der gesamten Traumkontrolle, und bei Superkräften gilt es noch stärker als beim Fliegen.
Denk wieder an die Psychiker aus den Filmen. Ihre Kraft ist genau so stark wie ihre Überzeugung. Im Traum ist es dasselbe. Wenn du Feuer aus der Hand schiessen willst, aber im Hinterkopf der kleinste Zweifel sitzt, ob das wohl klappt, dann passiert nichts oder es zischt kläglich aus und verpufft. Der Zweifel ist wie ein Loch im Eimer. Du kannst so viel Wasser reinkippen, wie du willst, es läuft trotzdem aus.
Bei mir ist der Zusammenhang über die Jahre eindeutig geworden. Die Kräfte, die ich ohne jeden Zweifel angegangen bin, klappten sofort. Die, bei denen ich innerlich gezögert habe, gelangen mir lange nicht, manchmal jahrelang nicht. Es lag nie an einer Technik. Es lag immer daran, wie sicher ich mir war.
Wie genau dieser Glaube den Traum formt, habe ich an anderer Stelle ausführlicher beschrieben. Wenn dich die Mechanik dahinter interessiert, also warum dein Kopf überhaupt so reagiert, lies dir an, wie Traumkontrolle funktioniert. Für hier reicht die Kurzfassung. Dein Traum gehorcht deiner Erwartung. Du erschaffst nicht die Kraft, du erwartest sie, und der Traum füllt den Rest.
Eine kleine, aber sehr wichtige Sache am Rande. Dein Unterbewusstsein versteht kein Nein. Wenn du denkst, hoffentlich versagt das Feuer jetzt nicht, dann hört dein Traum das Wort Versagen und gibt dir genau das. Deshalb formuliere ich im Traum immer im Positiven. Statt hoffentlich geht es nicht schief denke ich das Feuer kommt jetzt mit voller Wucht. Diese kleine Umstellung hat bei mir einen riesigen Unterschied gemacht.
Warum manche Kräfte leichter kommen als andere
Wenn alles nur am Glauben hängt, warum klappt dann nicht alles gleich gut? Gute Frage, und ich habe lange gebraucht, um die Antwort für mich zu finden. Es läuft darauf hinaus, was du dir gut vorstellen kannst.
Eine Kraft, die du dir lebhaft und klar im Kopf ausmalen kannst, lässt sich viel leichter glauben. Das Fliegen kam mir deshalb so leicht, weil ich mir das Gefühl des Abhebens immer mühelos vorstellen konnte. Bei Telekinese war es ähnlich, ich hatte die Geste, das Ziehen, das Bild im Kopf. Schwerer wird es bei Dingen, die für mich abstrakter sind. Mich selbst in ein Tier zu verwandeln zum Beispiel fällt mir schwer, weil ich mir das Gefühl, plötzlich vier Beine zu haben, einfach nicht klar genug vorstellen kann. Mein Kopf hat dann nichts, woran er sich festhalten kann, und der Zweifel kriecht rein.
Daraus folgt der wahrscheinlich praktischste Tipp im ganzen Artikel. Visualisiere die Kraft schon im Wachen. Setz dich hin, schliess die Augen und spiel die Superkraft so detailliert wie möglich durch. Spür die Hitze in den Handflächen, bevor das Feuer kommt. Sieh die Funken. Hör das Zischen. Spür das Gewicht des Autos, das plötzlich leicht wird. Je öfter du das wach probst, desto vertrauter wird es deinem Gehirn, und desto leichter ruft es die Kraft im Traum ab.
Visualisierung ist im Grunde Krafttraining für deinen Traumglauben. Du baust eine Erwartung auf, und diese Erwartung wird im Traum zur Tatsache. Ich nehme mir manchmal ein paar ruhige Minuten am Tag und spiele eine bestimmte Kraft im Kopf durch, die ich in der nächsten Nacht testen will. Erstaunlich oft klappt sie dann auch.
Eine Einschränkung muss ich noch machen. Was sich für dich gut vorstellen lässt, kann sich völlig von dem unterscheiden, was bei mir leicht geht. Vielleicht fällt dir die Verwandlung kinderleicht und das Feuer schwer. Probier dich durch und merk dir, was sich für dich am natürlichsten anfühlt. Da gibt es kein richtig oder falsch.
Stabil bleiben, wenn es richtig kracht
Jetzt kommt das Problem, das mir bei Superkräften am meisten zu schaffen macht. Grosse Effekte sind aufregend, und Aufregung ist der schnellste Weg, aus dem Traum zu fliegen. Genau das ist mir in meiner Anfangsgeschichte passiert. Das schwebende Auto war so spektakulär, dass meine Freude mich direkt wieder ins Wachsein gerissen hat.
Das ist kein Zufall, das ist fast schon eine Regel. Je krasser die Kraft, desto grösser der Reiz, dass du vor lauter Begeisterung die Verbindung zum Traum verlierst. Ich kenne das bis heute. Sobald etwas richtig Beeindruckendes gelingt, schiesst die Aufregung hoch, und der Traum wird dünn.
Der Trick dagegen ist, dich aktiv im Traum zu verankern. Statt dich von der Aufregung mitreissen zu lassen, lenkst du deine Aufmerksamkeit bewusst auf die Sinne. Spür den Boden unter den Füssen. Reib die Hände aneinander und nimm die Reibung wahr. Schau dir Details an, die Maserung einer Wand, die Farbe des Feuers. Diese sinnlichen Eindrücke holen dich zurück in den Traum und halten dich länger drin. Mehr dazu, wie du dich festhältst, habe ich im Artikel über das Stabilisieren des Klartraums zusammengetragen.
Ich gehe inzwischen oft so vor, dass ich vor einer grossen Kraft kurz innehalte. Ich rufe mir in Erinnerung, dass ich gleich ruhig bleiben soll, statt vor Freude auszurasten. Dann zünde ich das Feuer oder hebe das Auto, und ich versuche, die ganze Zeit ein Stück meiner Aufmerksamkeit beim Boden unter mir zu lassen. Klappt nicht immer, aber deutlich öfter als früher.
Und falls du trotzdem rauskippst, mach dir keinen Kopf. Mir passiert das nach all den Jahren noch regelmässig. Oft kann ich morgens direkt wieder zurückrutschen, wenn ich mich kaum bewege und sofort wieder einschlafe. Es kommen immer neue Gelegenheiten, und jede macht dich ein Stück sicherer.
Superkräfte sind angewandtes Physikbrechen
Wenn du genau hinschaust, ist jede Superkraft im Grunde nichts anderes, als die Physik deiner Traumwelt ausser Kraft zu setzen. Fliegen bricht die Schwerkraft. Telekinese bricht die Regel, dass du etwas berühren musst, um es zu bewegen. Feuer aus der Hand bricht so ziemlich alles, was Chemie heisst. Unverwundbarkeit bricht die Regel, dass dir Dinge wehtun können.
Das ist eine nützliche Sichtweise, weil sie dir den Druck nimmt. Du musst dir keine komplizierte Superkraft ausdenken. Du musst dir nur klarmachen, dass die Regeln der echten Welt im Traum nicht gelten. Sobald du das verinnerlicht hast, wird jede Kraft zu einer Variante derselben Übung. Du suchst dir eine Regel der Realität aus und beschliesst, dass sie hier nicht gilt.
Genau deshalb empfehle ich dir, dich parallel damit zu beschäftigen, wie du ganz grundsätzlich die Physik im Traum brichst. Wer einmal verstanden und gefühlt hat, dass im Traum keine festen Naturgesetze herrschen, dem fallen auch die einzelnen Superkräfte leichter. Es ist dieselbe innere Haltung, nur unterschiedlich angewendet. Ich merke bei mir selbst, dass an Tagen, an denen ich mich im Traum sowieso schon frei von der Physik fühle, die wilden Kräfte fast von allein kommen.
Eine kleine Beobachtung am Rande, die vielleicht auch dir hilft. Manchmal kämpfe ich gegen einen Rest von Realismus an, der sich in den Traum schleicht. Eine Uhr, die beim zweiten Hinschauen plötzlich eine andere Zeit zeigt, oder ein Gesicht, das zerfliesst wie schmelzendes Eis. Das sind Zeichen, dass der Traum ohnehin wackelig und formbar ist. Statt mich davon stören zu lassen, nehme ich es als Bestätigung. Wenn die Welt so leicht ihre eigenen Regeln bricht, dann kann ich das erst recht.
Zum Schluss
Superkräfte im Traum sind für mich das schönste Beispiel dafür, was Traumkontrolle eigentlich bedeutet. Du bist nicht an die Regeln der Wachwelt gebunden, du bist nur an deinen eigenen Glauben gebunden. Sei dir sicher, und die Kraft kommt. Zweifle, und sie bleibt aus. So simpel und so schwer ist das.
Fang mit etwas an, das du dir gut vorstellen kannst, am besten mit dem Fliegen. Spiel die Kraft im Wachen durch, geh mit einer klaren Erwartung in die Nacht und bleib ruhig, wenn es zündet. Mit der Zeit wirst du merken, wie der Kreis der Dinge, die du dir zutraust, immer grösser wird. Vom Schweben zum Autoheben, vom Autoheben zum Feuer, und irgendwann zu Sachen, auf die du heute noch gar nicht kommst.
Wenn du tiefer in die anderen Bereiche der Traumkontrolle eintauchen willst, von der Fortbewegung über das Erschaffen bis zum Brechen der Physik, findest du alles gesammelt im Überblick zur Traumkontrolle. Und dann ab ins Bett, ausprobieren. Deine Traumwelt wartet, und sie gehorcht dir, sobald du ihr nur fest genug glaubst.
