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Atemübungen zum Runterkommen am Abend

Wissen10 Min. Lesezeit

Atemübungen zum Runterkommen am Abend

Ich zeige dir meine liebsten Atemübungen am Abend, die mich nach einem vollen Tag wirklich runterbringen. Einfach, leise und ohne Schnickschnack zum Nachmachen.

Gestern Abend sass ich noch um halb elf am Küchentisch, der Kopf voll mit dem nächsten Tag. Drei Mails, die ich vergessen hatte, eine Rechnung, ein Gespräch, das schiefgelaufen war. Mein Körper war müde, aber mein Kopf rannte weiter wie ein Hamster im Rad. Also habe ich das Licht ausgemacht, mich auf den Stuhl gelehnt und einfach langsam ausgeatmet. Ich liess die Luft lang und leise durch den Mund entweichen. Nach ein paar Minuten wurde das Rad langsamer. Das Rad wurde nicht durch etwas Magisches langsamer. Es lag daran, dass mein Atem meinem Körper ein Zeichen gegeben hat. Es ist Feierabend.

Genau darum geht es hier. Ich möchte dir zeigen, was bei mir abends wirklich funktioniert, wenn ich nicht runterkomme. Keine Esoterik, kein Wellness-Gerede, einfach ein paar Atemübungen am Abend, die du heute noch ausprobieren kannst. Ganz am Schluss verrate ich dir, warum mich genau diese ruhige Atmung über die Jahre an einen ziemlich erstaunlichen Ort geführt hat. Aber dazu später.

Warum der Atem überhaupt etwas ändert

Vielleicht denkst du dir gerade, Atmen mache ich doch sowieso die ganze Zeit. Stimmt. Aber es gibt einen Unterschied zwischen dem Atmen, das einfach passiert, und dem Atmen, das du bewusst lenkst. Und dieser Unterschied ist der ganze Trick.

In deinem Körper laufen zwei Modi. Der eine ist der Anspannungsmodus, der dich morgens aus dem Bett bringt und in stressigen Momenten Vollgas gibt. Der andere ist der Ruhemodus, der für Verdauung, Erholung und Schlaf zuständig ist. Tagsüber wechseln die beiden ständig hin und her, meistens ohne dass du es merkst. Am Abend hängen viele Menschen aber im Anspannungsmodus fest, obwohl der Tag längst vorbei ist.

Der Atem ist die eine Stellschraube, an der du selbst drehen kannst. Dein Herzschlag lässt sich nicht einfach so verlangsamen, und deinen kreisenden Gedanken kannst du auch nicht befehlen, leiser zu werden. Beim Atem ist das anders. Du kannst ihn jederzeit bewusst übernehmen. Und wenn du langsam und vor allem länger ausatmest als einatmest, sendest du deinem Körper ein klares Signal. Alles ist sicher, du darfst runterfahren.

Das ist keine Einbildung. Beim Ausatmen verlangsamt sich dein Herzschlag ein kleines bisschen, beim Einatmen wird er wieder etwas schneller. Wenn du also das Ausatmen verlängerst, ziehst du den Durchschnitt deines Herzschlags nach unten. Dein Körper liest das als Entwarnung. Genau deshalb wirken fast alle guten Abendübungen über den langen, ruhigen Atemzug nach aussen.

Bevor du loslegst: ein paar einfache Grundlagen

Bevor ich dir die konkreten Übungen zeige, ein paar Dinge, die bei mir einen riesigen Unterschied machen. Sie klingen banal, aber sie entscheiden oft darüber, ob eine Übung wirkt oder ob du nur frustriert daliegst.

Atme durch die Nase ein, wann immer es geht. Die Nase filtert, wärmt und bremst die Luft, und das allein beruhigt schon. Das Ausatmen darf dann gern durch den leicht geöffneten Mund gehen, vor allem wenn du tief loslassen willst. Es gibt Übungen, bei denen alles über die Nase läuft, und das ist auch in Ordnung. Probier aus, was sich für dich besser anfühlt.

Atme in den Bauch, nicht in die Brust. Leg dir eine Hand auf den Bauch und eine auf die Brust. Wenn sich beim Einatmen vor allem die Hand auf dem Bauch hebt, machst du es richtig. Viele von uns atmen den ganzen Tag flach in die obere Brust, und das hält den Körper unbewusst in leichter Alarmbereitschaft. Die tiefe Bauchatmung ist das genaue Gegenteil davon.

Und zwing dich zu nichts. Wenn dir bei einer Übung schwindelig wird oder du dich verkrampfst, ist das ein Zeichen, langsamer zu machen oder ganz aufzuhören. Atmen soll sich gut anfühlen. Mehr Luft ist nicht automatisch besser, im Gegenteil. Die meisten Menschen atmen abends ruhiger, wenn sie eher weniger und langsamer atmen.

Die 4-7-8-Atmung: mein Klassiker für den Kopf

Das ist die Übung, die ich am häufigsten empfehle, weil sie einfach zu merken ist und schnell wirkt. Sie geht so. Du atmest vier Sekunden lang durch die Nase ein. Dann hältst du die Luft sieben Sekunden lang an. Und dann atmest du acht Sekunden lang langsam durch den Mund aus, am besten mit einem leisen Hauchgeräusch.

Das Schöne daran ist der lange Ausatem. Acht Sekunden sind für die meisten am Anfang ziemlich lang, und genau das ist der Punkt. Dieser ausgedehnte Atem nach aussen ist es, der deinen Körper in den Ruhemodus schiebt. Das Anhalten dazwischen gibt dem Ganzen einen ruhigen Takt, an dem sich dein Kopf festhalten kann.

Ein praktischer Tipp aus eigener Erfahrung. Die genauen Sekunden sind weniger wichtig, als es klingt. Wenn dir sieben Sekunden Luftanhalten zu viel sind, nimm vier. Wenn acht Sekunden Ausatmen zu lang sind, nimm sechs. Wichtig ist nur das Verhältnis. Der Ausatem soll deutlich länger sein als der Einatem. Ich mache meistens vier bis sechs Runden davon, mehr braucht es selten. Oft merke ich schon nach der dritten Runde, wie meine Schultern nach unten sinken.

Diese Übung ist auch perfekt für den Moment, in dem du schon im Bett liegst und einfach nicht abschalten kannst. Du musst dich nicht bewegen, du musst nichts vorbereiten, du zählst einfach im Kopf mit. Wenn das Einschlafen bei dir generell ein Thema ist, habe ich übrigens eine ganze Sammlung an Ideen zusammengetragen in Einschlafrituale, die wirklich wirken.

Die Box-Atmung: gleichmässig wie ein Viereck

Wenn dir die 4-7-8-Atmung zu unruhig ist, ist die Box-Atmung vielleicht eher dein Ding. Sie ist gleichmässiger und fühlt sich für viele Menschen geordneter an. Stell dir ein Viereck vor, eine Box, und jede Seite ist gleich lang.

Du atmest vier Sekunden ein. Du hältst vier Sekunden an. Du atmest vier Sekunden aus. Und du hältst nochmal vier Sekunden an, bevor es von vorn losgeht. Vier gleiche Seiten, immer im Kreis herum. Daher der Name.

Diese Übung mag ich besonders an Abenden, an denen ich aufgewühlt bin und mein Atem sich anfühlt wie aus dem Takt geraten. Der gleichmässige Rhythmus bringt eine Art Ordnung zurück. Es ist fast wie ein Metronom, an dem sich der ganze Körper neu ausrichtet. Manche Menschen aus dem Sport oder von der Feuerwehr nutzen genau diese Technik, um vor heiklen Einsätzen ruhig zu bleiben, und das sagt schon etwas über ihre Wirkung.

Auch hier gilt, die vier Sekunden sind nur ein Startwert. Wenn du geübter bist, kannst du auf fünf oder sechs gehen und die Box grösser machen. Am Anfang reicht klein und einfach. Und falls dir das doppelte Luftanhalten unangenehm ist, lass die Pausen kürzer und konzentriere dich auf das ruhige Aus.

Die verlängerte Ausatmung: die einfachste von allen

Falls dir Zahlen und Zählen abends zu anstrengend sind, habe ich noch eine Variante für dich, die fast keine Regeln hat. Ich nenne sie einfach die verlängerte Ausatmung, und sie ist die Übung, auf die ich nach einem wirklich langen Tag am liebsten zurückgreife.

Du atmest ganz normal ein, wie es kommt. Und dann atmest du einfach doppelt so lang wieder aus. Mehr ist es nicht. Wenn dein Einatem zwei Sekunden dauert, lass den Ausatem vier Sekunden dauern. Du musst nichts genau messen, du sollst nur spüren, dass das Ausatmen deutlich länger und langsamer ist als das Einatmen.

Was diese Übung so angenehm macht, ist ihre Schlichtheit. Du kannst sie machen, während du das Geschirr wegräumst, während du im Bett liegst oder während du nach dem Fernsehen noch kurz sitzen bleibst. Kein Zählen, kein Rhythmus, kein Druck. Nur ein langes, ruhiges Loslassen nach aussen, wieder und wieder. Für mich ist das die schönste Form von Runterkommen, weil sie sich gar nicht wie eine Übung anfühlt.

Wenn ich es richtig gemütlich haben will, lege ich eine Hand auf den Bauch und stelle mir vor, wie sich mit jedem Ausatem etwas mehr Anspannung aus mir herauslöst. Das ist kein Pflichtprogramm, aber dieses kleine Bild hilft mir, bei der Sache zu bleiben und nicht gleich wieder ins Gedankenkarussell zu rutschen.

Wie du dir das Ganze zur Gewohnheit machst

Eine einzelne Atemübung ist nett, aber die wahre Wirkung kommt erst, wenn sie zur Gewohnheit wird. Und Gewohnheiten entstehen am leichtesten, wenn du sie an etwas knüpfst, das du sowieso jeden Abend tust.

Bei mir ist es das Hinlegen. Sobald ich liege und das Licht aus ist, beginne ich fast automatisch mit ein paar langen Ausatemzügen. Ich musste das eine Weile bewusst machen, heute läuft es von allein. Du kannst es auch ans Zähneputzen hängen, ans Hinsetzen aufs Sofa oder an den Moment, in dem du das Handy weglegst. Such dir einen festen Anker, dann musst du nicht jeden Abend neu daran denken.

Erwarte am Anfang keine Wunder. An manchen Abenden bist du nach drei Atemzügen tiefenentspannt, an anderen passiert gefühlt gar nichts, und das ist völlig normal. Der Körper lernt langsam. Je öfter du ihm das Signal gibst, dass nach dieser Atmung Ruhe folgt, desto schneller reagiert er mit der Zeit. Es ist ein bisschen wie ein Muskel, der erst nach ein paar Wochen merklich stärker wird.

Und sei nicht zu streng mit dir. Wenn du eine Übung an einem Abend vergisst, ist das kein Beinbruch. Du musst auch nicht alle drei Techniken können. Such dir die eine aus, die sich am besten anfühlt, und bleib eine Weile dabei. Lieber eine Übung, die du wirklich machst, als drei, die du nur kennst.

Wenn der Atem dich an einen unerwarteten Ort führt

Jetzt wird es spannend, und hier kommt der Teil, den ich am Anfang angedeutet habe. Wenn du diese Atemübungen eine Weile gemacht hast, wirst du irgendwann einen ganz besonderen Moment kennenlernen. Es ist der Übergang vom Wachsein in den Schlaf. Diese kurze, wattige Phase, in der du noch nicht ganz weg bist, aber auch nicht mehr richtig da. Bilder ziehen auf, Gedanken werden seltsam, dein Körper fühlt sich schwer und weit weg an.

Die meisten Menschen rauschen jeden Abend durch diesen Übergang, ohne ihn zu bemerken. Sie sind einfach im einen Moment wach und im nächsten weg. Eine ruhige, bewusste Atmung verändert das. Weil dein Kopf etwas wacher und klarer bleibt, während dein Körper schon einschläft, kannst du diesen Schwellenzustand auf einmal bewusst erleben. Du surfst sozusagen auf der Grenze zwischen wach und Schlaf.

Und genau dieser Zustand ist die Tür zu etwas, von dem du vielleicht noch nie gehört hast. Es nennt sich luzides Träumen, oder auf Deutsch Klartraum. Damit ist gemeint, dass du im Traum weisst, dass du gerade träumst. Dein Körper schläft tief, aber ein Teil von dir bleibt klar und bewusst. Und wenn das passiert, kannst du in deinem eigenen Traum mitbestimmen, was geschieht. Fliegen, an unmögliche Orte reisen, Dinge erleben, die im Wachleben nie gehen.

Was hat das mit Atemübungen zu tun? Eine ganze Menge. Bei mir beginnt der Weg in einen bewussten Klartraum fast immer mit ruhiger Atmung. Ich lege mich hin, atme langsam und gleichmässig, entspanne jeden Muskel und halte dabei mein Bewusstsein ganz leise fest, während mein Körper einschläft. Diese verlängerte Ausatmung, die ich dir oben gezeigt habe, ist für mich der erste Schritt in genau diesen Zustand. Die gleiche Technik, die dich abends einfach nur runterbringt, ist gleichzeitig das Tor zu etwas viel Grösserem.

Vom Einschlafen zum bewussten Träumen

Ich will dir hier nichts versprechen, was kompliziert klingt. Du musst überhaupt nichts davon können, um von den Atemübungen zu profitieren. Wenn du nur besser runterkommen und leichter einschlafen willst, bist du mit den drei Techniken von oben bestens versorgt. Hör einfach hier auf und probier sie aus.

Wenn dich aber gepackt hat, dass dein Atem dich an diese seltsame Schwelle zwischen wach und Schlaf bringt, dann gibt es da eine ganze Welt zu entdecken. Der Einstieg in das ganze Thema steht in Was ist luzides Träumen. Dort erkläre ich von Grund auf, was ein Klartraum überhaupt ist, wie er im Kopf abläuft und warum das fast jeder Mensch lernen kann. Kein Vorwissen nötig, ich nehme dich von ganz vorn mit.

Und falls dich besonders dieser Übergang fasziniert, dieses bewusste Hinübergleiten in den Traum bei vollem Bewusstsein, dann ist die Technik dahinter genau das Richtige für dich. Sie heisst WILD, und ich gehe Schritt für Schritt darauf ein in WILD. Es ist die Methode, bei der die ruhige Atmung, die du gerade gelernt hast, vom Einschlafhelfer zum eigentlichen Werkzeug wird. Du wirst überrascht sein, wie nah das, was du heute Abend zum Runterkommen machst, an etwas wirklich Erstaunlichem liegt.