Vor ein paar Wochen sass ich mit einem alten Freund in einer Bar, und er machte etwas, das mich kurz sprachlos liess. Jemand am Nebentisch sagte beiläufig ein Datum, irgendein Geburtstag aus dem Jahr 1987. Mein Freund schaute eine Sekunde an die Decke und sagte dann ruhig: Das war ein Dienstag. Wir haben es nachgeschaut. Er hatte recht. Er hat nie damit angegeben, er konnte es einfach. Auf der Heimfahrt habe ich darüber nachgedacht, wie viele solcher stillen Fähigkeiten es gibt, von denen die meisten Menschen nie hören. Seitdem sammle ich sie ein wenig.
Was seltene Fähigkeiten so reizvoll macht
Seltene Fähigkeiten haben einen besonderen Reiz. Es geht nicht um Talente, mit denen man berühmt wird, und auch nicht um Dinge, die im Lebenslauf gut aussehen. Es geht um diese kleinen Kunststücke, bei denen das Gegenüber kurz die Augenbrauen hochzieht und fragt: Moment, wie hast du das gemacht? Genau diese Reaktion finde ich faszinierend. Sie zeigt, dass der menschliche Kopf und Körper zu viel mehr in der Lage sind, als wir im Alltag je abrufen.
Das Spannende daran ist eine kleine Erkenntnis, die mich nicht mehr loslässt. Die meisten dieser Fähigkeiten sind kein Geschenk der Natur. Sie sind das Ergebnis von Übung, manchmal von erstaunlich wenig Übung. Wir halten sie für selten, weil sie kaum jemand trainiert, und nicht, weil sie unmöglich wären. Das ist ein entscheidender Unterschied. Wenn etwas selten ist, weil niemand es versucht, dann liegt die Tür für dich weit offener, als du denkst.
Ich will dir in diesem Beitrag eine Handvoll solcher Fähigkeiten zeigen. Manche sind reine Spielerei für die nächste Party. Andere sind tatsächlich nützlich. Und am Ende kommen wir auf eine Fähigkeit zu sprechen, die ich für die seltsamste und schönste von allen halte, weil sie sich komplett im Verborgenen abspielt. Aber der Reihe nach.
Den Wochentag zu jedem Datum berechnen
Fangen wir mit dem Trick meines Freundes an, denn er ist ein gutes Beispiel. Manche Menschen können dir sofort sagen, auf welchen Wochentag der 3. Juli 2041 fällt. Was wie ein Zaubertrick wirkt, ist in Wahrheit eine Rechenmethode, die sich jeder aneignen kann. Sie heisst Doomsday-Methode und wurde von einem Mathematiker namens John Conway erdacht.
Das Prinzip ist überraschend einfach. Jedes Jahr hat einen sogenannten Ankertag, einen Wochentag, auf den bestimmte leicht zu merkende Daten immer fallen. Der 4. April, der 6. Juni, der 8. August und so weiter liegen in jedem Jahr auf demselben Wochentag. Von diesen Ankern aus rechnest du dich zu deinem Wunschdatum vor oder zurück. Mit etwas Übung läuft das im Kopf in wenigen Sekunden ab.
Über Nacht wird hier natürlich niemand zum Profi. Die ersten Versuche dauern ewig und gehen schief. Aber nach ein paar Wochen lockerem Üben, vielleicht ein paar Minuten am Tag, klappt es plötzlich. Genau das ist das Muster, das uns durch diesen ganzen Beitrag begleiten wird. Eine seltene Fähigkeit sieht von aussen wie Magie aus, und von innen ist es eine kleine Routine, die man sich Stück für Stück antrainiert hat.
Mit beiden Händen gleichzeitig schreiben
Eine Fähigkeit, die fast jeden im Raum verblüfft, ist beidhändiges Schreiben. Damit meine ich, mit der linken und der rechten Hand zur selben Zeit zwei Wörter zu Papier zu bringen. Besonders eindrucksvoll wird es, wenn die eine Hand das Wort spiegelverkehrt schreibt, während die andere normal schreibt. Leonardo da Vinci soll diese Spiegelschrift beherrscht haben, was dem Ganzen einen schönen historischen Glanz verleiht.
Auch hier steckt kein Geheimnis dahinter, nur Geduld. Du fängst damit an, einfache Formen mit deiner schwächeren Hand zu malen, Kreise und Linien. Dann einzelne Buchstaben, dann ganze Wörter. Wenn die schwächere Hand halbwegs mitkommt, lässt du beide Hände parallel laufen. Anfangs sieht das aus, als hätte ein Kleinkind gekritzelt. Mit der Zeit ordnet sich das.
Ich mag dieses Beispiel, weil es zeigt, wie sehr wir uns selbst unterschätzen. Die meisten Menschen halten ihre schwache Hand für völlig unbrauchbar. Dabei kann sie das Schreiben durchaus lernen, sie hat es nur nie geübt. Dein Körper hat oft mehr Reserven, als du ihm zutraust. Du musst diese Reserven nur ansprechen und ihnen ein bisschen Zeit geben.
Geräusche und Stimmen perfekt nachahmen
Es gibt Menschen, die ein bellendes Telefon, einen anfahrenden Motor oder die Stimme eines Schauspielers so genau treffen, dass man sich umdreht. Gute Imitatoren wirken wie Naturtalente, und ein kleiner Teil davon ist sicher angeboren. Der grosse Rest aber ist genaues Zuhören. Ein guter Stimmenimitator hört ein Geräusch ganz anders als du und ich, nämlich in seine Bestandteile zerlegt.
Wer das üben will, fängt mit einem einzigen Geräusch an und hört es sich immer wieder an. Wo sitzt der Ton, vorne im Mund oder tief in der Kehle? Ist er rau oder glatt? Dann probiert man herum, bis es ungefähr passt, und vergleicht erneut. Diese Schleife aus Hören, Nachmachen und Vergleichen ist das ganze Geheimnis. Sie ist anstrengend, aber sie funktioniert.
Was mich daran fasziniert, ist die Sache mit der Aufmerksamkeit. Imitatoren nehmen die Welt schlicht genauer wahr als der Durchschnitt. Sie hören Dinge, die an uns vorbeirauschen. Und das ist eine Fähigkeit, die weit über das Imitieren hinaus nützlich ist. Wer gelernt hat, wirklich genau hinzuhören oder hinzuschauen, der bemerkt im Alltag plötzlich Details, die anderen entgehen. Diesen Gedanken merken wir uns für später.
Sich gewaltige Mengen merken
Gedächtniskünstler gehören zu meinen Lieblingsbeispielen. Diese Menschen merken sich die Reihenfolge eines gemischten Kartenstapels, lange Zahlenkolonnen oder hundert Namen nach einmaligem Hören. Im ersten Moment denkt man an ein fotografisches Gedächtnis, das man eben hat oder nicht. Die Wahrheit ist viel ermutigender. Fast alle Gedächtnissportler haben ein ganz normales Gedächtnis und nutzen nur einen klugen Trick.
Der Trick heisst Gedächtnispalast, und er ist uralt. Du nimmst einen Ort, den du gut kennst, etwa deine Wohnung, und legst die Dinge, die du dir merken willst, gedanklich an bestimmte Stellen. Die erste Zahl liegt auf dem Schuhregal, die nächste hängt an der Garderobe, die übernächste sitzt auf dem Sofa. Um dich zu erinnern, gehst du die Wohnung in Gedanken ab und sammelst alles wieder ein. Unser Gehirn merkt sich Orte und Bilder nämlich viel leichter als nackte Zahlen.
Ich finde das deshalb so schön, weil es ein verbreitetes Vorurteil zerlegt. Viele Menschen sagen, sie hätten ein schlechtes Gedächtnis, und meinen damit, sie seien zu nichts zu gebrauchen. In Wahrheit benutzen sie ihr Gedächtnis nur so, wie es nicht gut funktioniert. Mit der richtigen Methode wird aus dem angeblich schlechten Gedächtnis ein erstaunlich starkes. Wieder gilt: Die Fähigkeit ist trainierbar, sie wartet nur darauf, dass man sie richtig anpackt.
Den eigenen Körper bewusst steuern
Eine ganze Gruppe seltener Fähigkeiten dreht sich um den eigenen Körper. Manche Menschen können einzeln die Ohren bewegen, andere ihren Puls bewusst senken, wieder andere bleiben minutenlang in eiskaltem Wasser ruhig, weil sie ihre Atmung im Griff haben. Das wirkt fast übermenschlich, hat aber wenig mit Zauberei zu tun.
Hinter vielem davon steckt die Verbindung zwischen Aufmerksamkeit und Körper. Wenn du lernst, deine Aufmerksamkeit ganz fein zu lenken, bekommst du Zugriff auf Dinge, die sonst von allein laufen. Die Atmung ist das beste Beispiel. Sie passiert automatisch, und trotzdem kannst du sie bewusst übernehmen. Über die Atmung lässt sich der Herzschlag beeinflussen, über den Herzschlag das ganze Nervensystem. Aus einer kleinen bewussten Steuerung wird so eine erstaunliche Wirkung auf den ganzen Körper.
Hier wird es für mich besonders interessant, denn diese Fähigkeiten zeigen etwas Grundsätzliches. Die Grenze zwischen dem, was automatisch passiert, und dem, was du bewusst steuern kannst, ist beweglich. Du kannst sie verschieben. Mit Übung holst du Bereiche unter deine Kontrolle, die für die meisten Menschen ein Leben lang im Autopiloten bleiben. Und damit kommen wir langsam zu der Fähigkeit, um die es mir am Ende geht.
Warum diese Fähigkeiten alle dasselbe Muster teilen
Halten wir kurz inne und schauen, was all diese Beispiele gemeinsam haben. Der Wochentag-Rechner, der beidhändige Schreiber, der Imitator, der Gedächtniskünstler und der Mensch, der seinen Puls steuert, wirken auf den ersten Blick völlig verschieden. Trotzdem teilen sie ein klares Muster, und das Muster ist der eigentliche Schatz dieses Beitrags.
Erstens sehen sie von aussen wie Magie aus und sind von innen eine Methode. Zweitens sind sie selten, weil kaum jemand sie übt, und nicht, weil sie schwer zu erlernen wären. Drittens drehen sie sich fast immer um Aufmerksamkeit, also darum, etwas bewusst zu tun, was sonst unbewusst abläuft. Wer genauer hinhört, wer Bilder bewusst platziert, wer die Atmung übernimmt, der nimmt etwas in die Hand, was bei den meisten auf Autopilot läuft.
Genau dieser dritte Punkt führt mich zu einer Fähigkeit, die ich seit über fünfzehn Jahren übe und die in keiner dieser Listen auftaucht. Sie ist beeindruckender als alle bisherigen, und sie ist noch seltener, weil fast niemand auch nur ahnt, dass sie existiert. Sie spielt sich nachts ab, wenn du längst schläfst.
Die unsichtbare Superkraft, die nachts beginnt
Stell dir eine Fähigkeit vor, bei der du im Schlaf das Bewusstsein behältst. Du liegst im Bett, dein Körper ruht tief, und trotzdem ist ein Teil von dir hellwach und weiss ganz genau: Das hier ist ein Traum. Von diesem Moment an gehört die Traumwelt dir. Du kannst fliegen, an Orte reisen, die es nicht gibt, und Dinge erleben, die im Wachleben für immer verschlossen bleiben. Diese Fähigkeit heisst luzides Träumen, und sie passt perfekt in die Reihe, die wir gerade durchgegangen sind.
Sie trägt nämlich genau dieselben drei Merkmale. Von aussen klingt sie nach Magie, und von innen ist sie eine erlernbare Methode mit klaren Schritten. Sie ist extrem selten, aber vor allem deshalb, weil so wenige Menschen sie überhaupt trainieren. Und sie dreht sich, wie alle starken Beispiele oben, um bewusste Aufmerksamkeit an einem Ort, an dem sonst der Autopilot regiert. Tagsüber holen sich manche Menschen die Kontrolle über ihren Puls. Nachts holen sich die Klarträumer die Kontrolle über ihre Träume.
Mich hat genau das vor vielen Jahren gepackt. Ich war noch jung, stiess durch Zufall darauf und war sofort fasziniert, dass der Kopf so etwas überhaupt kann. Über die Jahre habe ich gemerkt, dass es eine stille Superkraft ist. Niemand sieht sie dir an. Du gibst nicht damit an. Und trotzdem erlebst du nachts Dinge, von denen die meisten Menschen ihr Leben lang nur in vagen, halb vergessenen Träumen einen Schimmer bekommen. Wer mehr über die hartnäckigsten Irrtümer dazu wissen will, findet einiges in den Mythen, denn rund um dieses Thema kursiert eine Menge Unsinn.
Warum fast niemand sie trainiert
Wenn luzides Träumen so erlernbar ist, fragst du dich vielleicht, warum es dann so selten bleibt. Die Antwort ist die gleiche wie bei allen anderen Fähigkeiten in diesem Beitrag. Es liegt nicht an der Schwierigkeit. Es liegt daran, dass kaum jemand davon weiss oder auf die Idee kommt, es bewusst zu üben. Die meisten Menschen halten ihre Träume für etwas, das einfach passiert, so wie sie früher ihr Gedächtnis für etwas hielten, das man eben hat oder nicht.
Dabei gibt es auch hier handfeste Methoden, ganz ähnlich dem Gedächtnispalast oder der Doomsday-Rechnung. Es beginnt mit unspektakulären Grundlagen wie genug Schlaf und einem Traumtagebuch. Darauf bauen Gewohnheiten auf, bei denen du dich tagsüber regelmässig fragst, ob du gerade wach bist oder träumst. Und darauf wiederum bauen gezielte Techniken auf, mit denen sich Klarheit im Traum auslösen lässt. Es ist ein klarer Weg mit klaren Stufen, und genau das macht ihn lernbar. Einen Überblick über diese Werkzeuge gebe ich in den Techniken.
Ich will dir nichts vormachen. Schnell geht das nicht. Manche Menschen haben ihren ersten Klartraum nach einer Woche, bei anderen dauert es Monate. Bei mir kamen die durchgehend nächtlichen Klarträume erst nach ein paar Jahren, allerdings auch deshalb, weil ich es immer locker angegangen bin und oft Pausen eingelegt habe. Wer es ernster nimmt, kommt deutlich schneller voran. Das ist exakt dasselbe Versprechen wie bei jeder anderen seltenen Fähigkeit. Wenn du dranbleibst, holst du sie dir.
Wenn du eine wirklich seltene Fähigkeit ausprobieren willst
Von allen Fähigkeiten in diesem Beitrag ist luzides Träumen für mich die lohnendste. Den Wochentag zu einem Datum zu nennen, ist ein netter Partytrick. Spiegelverkehrt zu schreiben, beeindruckt für einen Moment. Aber im eigenen Traum bewusst zu fliegen, an unmögliche Orte zu reisen und dem eigenen Kopf bei der Arbeit zuzusehen, das ist eine ganz andere Liga. Es ist das beste Kino, das ich kenne, mit mir selbst in der Hauptrolle und auf dem Regiestuhl zugleich.
Und das Schönste daran bleibt dieser eine Gedanke, mit dem wir angefangen haben. Diese Fähigkeit ist selten, weil fast niemand sie trainiert, und nicht, weil sie unmöglich wäre. Die Tür steht für dich weit offener, als du gerade glaubst. Du brauchst keine Begabung, du brauchst nur ein bisschen Neugier und die Bereitschaft, dranzubleiben.
Wenn dich das gepackt hat, beginnst du am besten genau dort, wo auch ich vor Jahren angefangen habe, nämlich beim Verstehen, worum es überhaupt geht. Ich habe den ganzen Zustand ausführlich erklärt in was ist luzides Träumen. Lies dort weiter, und du wirst merken, dass die beeindruckendste seltene Fähigkeit von allen näher liegt, als du je gedacht hättest. Sie wartet auf dich, jede einzelne Nacht.
