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Selbstexperimente, die jeder zu Hause machen kann

Wissen10 Min. Lesezeit

Selbstexperimente, die jeder zu Hause machen kann

Ich sammle seit Jahren Selbstexperimente zu Hause, die wirklich was zeigen. Hier sind meine liebsten Versuche für die Küche, den Kopf und einen für die Nacht.

Letzten Sonntag stand ich um sieben Uhr morgens in der Küche. Ich liess eine Scheibe Apfel auf der Zunge zergehen und hielt mir dabei die Nase zu. Meine Freundin kam verschlafen rein und schaute mich an, als hätte ich den Verstand verloren. Ich konnte den Apfel kaum schmecken. Sobald ich die Finger von der Nase nahm, war der Geschmack plötzlich voll da. Ich wollte mit eigenen Sinnen prüfen, wie viel vom Schmecken eigentlich Riechen ist. Solche kleinen Versuche faszinieren mich seit Jahren. Man braucht kein Labor und kein Geld, nur ein bisschen Neugier und die Bereitschaft, kurz blöd auszusehen.

Warum Selbstexperimente zu Hause so viel Spass machen

Ich glaube, wir haben das Experimentieren irgendwann verlernt. Als Kind hat man Dinge ausprobiert, einfach um zu sehen, was passiert. Dann kam die Schule, und Experimente wurden zu etwas, das andere Leute in weissen Kitteln machen. Dabei steckt die halbe Welt voller Fragen, die du in deiner eigenen Küche beantworten kannst. Selbstexperimente zu Hause sind der direkteste Weg, deine eigene Neugier wieder ernst zu nehmen.

Der schöne Teil daran ist, dass du niemandem etwas glauben musst. Du liest irgendwo eine Behauptung, und statt sie einfach zu schlucken, prüfst du sie selbst nach. Das verändert etwas im Kopf. Du wirst zum Beobachter deiner eigenen Welt. Plötzlich merkst du, wie oft du Dinge für selbstverständlich hältst, die du noch nie wirklich angeschaut hast.

Und es kostet so gut wie nichts. Die meisten meiner liebsten Versuche brauchen Sachen, die ohnehin in jedem Haushalt liegen. Ein Glas Wasser, etwas Salz, ein paar Münzen, dein eigener Körper. Genau diese Schlichtheit macht es so reizvoll. Du musst nichts bestellen und auf nichts warten. Du kannst sofort anfangen.

Die Küche ist dein erstes Labor

Nirgendwo lässt sich leichter experimentieren als beim Kochen. Hier passiert ständig Chemie, nur nennen wir es Abendessen. Wenn du einmal anfängst, mit offenen Augen zu kochen, wird jede Mahlzeit zu einem kleinen Versuch.

Nimm den Apfel-Versuch von vorhin. Halte dir die Nase zu und beiss in ein Stück Apfel. Dann schneide dir ein Stück rohe Zwiebel und mach dasselbe. Mit zugehaltener Nase schmecken die beiden erstaunlich ähnlich, oft kannst du sie kaum auseinanderhalten. Erst wenn du die Nase freigibst, kippt der Geschmack schlagartig um. Das zeigt dir auf der Zunge, wie wenig deine Zunge wirklich kann und wie viel deine Nase erledigt. Genau deshalb schmeckt alles fad, wenn du erkältet bist.

Ein anderer Klassiker ist das Ei im Salzwasser. Leg ein rohes Ei in ein Glas mit normalem Leitungswasser, und es sinkt zu Boden. Jetzt rühre löffelweise Salz ins Wasser, bis das Ei langsam aufsteigt und an der Oberfläche schwebt. Du siehst direkt, wie das Salz das Wasser dichter macht. Das ist derselbe Grund, warum du im Meer leichter schwimmst als im See. Kinder lieben diesen Versuch, aber ich finde ihn auch als Erwachsener noch schön, weil das Ergebnis so deutlich sichtbar ist.

Wenn du es etwas bunter magst, gib einen Schuss Milch auf einen flachen Teller. Tropfe ein paar Tropfen Lebensmittelfarbe hinein. Dann tauchst du ein Wattestäbchen mit etwas Spülmittel in die Mitte. Die Farben schiessen auseinander, als wären sie lebendig. Das Spülmittel greift die Fettmoleküle in der Milch an, und die ganze Bewegung wird sichtbar. Ich habe das mit dem Sohn eines Freundes gemacht, und wir haben beide eine Viertelstunde lang nur gestaunt.

Versuche mit deinem eigenen Körper

Mein Lieblingslabor ist allerdings der eigene Körper. Du hast ihn immer dabei, und er steckt voller Eigenheiten, die du nie bemerkst, solange du nicht gezielt hinschaust. Diese Versuche brauchen gar kein Material, nur Aufmerksamkeit.

Probier mal den Versuch mit der überkreuzten Hand und den Fingern. Verschränke deine Hände vor der Brust, dreh sie nach innen und nach oben, sodass die Finger ineinander verkeilt sind. Jetzt soll jemand auf einen deiner Finger zeigen, ohne ihn zu berühren, und du sollst genau diesen Finger bewegen. Bei den verdrehten Fingern verheddert sich dein Gehirn regelmässig, und du bewegst den falschen. Es fühlt sich seltsam an, weil die Verbindung zwischen Auge und Finger plötzlich nicht mehr klappt.

Ein anderer ist der Versuch mit dem Arm im Türrahmen. Stell dich in einen Türrahmen und drück die Handrücken von aussen kräftig gegen die Rahmen, etwa eine Minute lang, so fest du kannst. Dann tritt heraus und lass die Arme locker hängen. Sie schweben wie von allein nach oben, ganz ohne dein Zutun. Dein Nervensystem hat sich auf den Druck eingestellt und braucht einen Moment, um zu merken, dass er weg ist. Das ist ein wunderbares Gefühl, weil dein eigener Körper etwas tut, das du gar nicht steuerst.

Dann gibt es den blinden Fleck. Jedes Auge hat eine Stelle, an der der Sehnerv austritt und wo du schlicht nichts siehst. Normalerweise füllt dein Gehirn die Lücke einfach auf, sodass du nie etwas davon merkst. Mal ein Kreuz und einen Punkt nebeneinander auf ein Blatt. Schliess das linke Auge und fixiere das Kreuz mit dem rechten. Dann bewege das Blatt langsam vor und zurück. Irgendwann verschwindet der Punkt einfach. Er ist noch da, aber dein Auge sieht ihn nicht, und dein Kopf tut so, als wäre dort nur weisses Papier. Mich beschäftigt dieser Versuch bis heute, weil er zeigt, wie viel von dem, was wir sehen, in Wahrheit erfunden ist.

Wahrnehmung lässt sich austricksen

Damit sind wir bei meinem Lieblingsthema. Die spannendsten Selbstversuche sind für mich die, bei denen dein eigener Kopf dich täuscht. Wir gehen davon aus, dass wir die Welt sehen, wie sie ist. In Wahrheit baut dein Gehirn ständig ein Bild zusammen, und dieses Bild ist nur eine Vermutung, die meistens gut genug stimmt.

Ein simpler Versuch dazu geht mit zwei Schüsseln Wasser. Füll die eine mit kaltem, die andere mit warmem Wasser, und stell eine dritte mit lauwarmem dazwischen. Halte die eine Hand eine Minute ins Kalte, die andere ins Warme. Dann tauch beide gleichzeitig in die lauwarme Schüssel. Für die kalte Hand fühlt sich dasselbe Wasser warm an, für die warme Hand fühlt es sich kalt an. Dein Körper misst keine echten Temperaturen, er misst Unterschiede. Das erklärt, warum derselbe Keller im Sommer kühl und im Winter mollig wirkt.

Oder nimm den Versuch mit dem Loch in der Hand. Roll ein Blatt Papier zu einer Röhre und halte sie wie ein Fernrohr an dein rechtes Auge. Beide Augen bleiben offen. Jetzt halte deine flache linke Hand neben die Röhre, etwa auf halber Länge. Plötzlich siehst du ein Loch mitten in deiner Hand, durch das du hindurchschaust. Dein Gehirn legt die beiden Bilder übereinander und macht daraus etwas, das es gar nicht gibt. Das ist ganz nah dran an einer grossen Frage. Wie verlässlich sind unsere Sinne überhaupt? Genau dieser Frage gehe ich auch im Artikel ist luzides Träumen echt nach.

Mich begeistern diese Versuche, weil sie alle in dieselbe Richtung zeigen. Deine Wahrnehmung ist kein Fenster zur Welt, sie ist eher ein Gemälde, das dein Kopf laufend neu malt. Meistens malt er sehr gut, und du merkst nichts davon. Aber mit den richtigen kleinen Tricks kannst du ihn beim Pinseln erwischen.

Versuche, die ein paar Tage brauchen

Nicht jeder Versuch ist in zwei Minuten vorbei. Ein paar meiner liebsten ziehen sich über Tage oder Wochen, und gerade die verändern oft am meisten. Hier wirst du selbst zum Versuchstier, und das auf eine richtig gute Art.

Probier einmal, eine Woche lang jeden Abend dieselben drei Dinge aufzuschreiben, die an dem Tag gut gelaufen sind. Das klingt nach esoterischem Kram, ich weiss, aber das ist es nicht. Es ist ein Versuch über deine eigene Aufmerksamkeit. Nach ein paar Tagen ertappst du dich dabei, wie du tagsüber bereits nach guten Momenten Ausschau hältst, weil du sie ja abends notieren willst. Du veränderst, worauf dein Kopf achtet, einfach indem du ihm eine Aufgabe gibst. Das fand ich überraschend stark.

Ein anderer Langzeitversuch ist die kalte Dusche. Dreh am Ende deiner normalen Dusche für dreissig Sekunden auf kalt, jeden Tag, zwei Wochen lang. Die ersten Male ist es scheusslich, und dein Kopf schreit, dass du sofort aufhören sollst. Nach einer Woche merkst du, wie sich dein Verhältnis zu dem Unbehagen verschiebt. Du lernst, ruhig zu bleiben, während dein Körper Alarm schlägt. Das ist ein erstaunlich nützliches Werkzeug, das weit über die Dusche hinausreicht.

Der eigentliche Reiz dieser längeren Versuche ist die Beobachtung deiner selbst über die Zeit. Du führst ein kleines Tagebuch und sammelst Daten über dein eigenes Erleben. Am Ende weisst du etwas über dich, das vorher reine Vermutung war. Genau dieses geduldige Notieren über Wochen ist übrigens auch der Schlüssel zu dem Versuch, auf den ich gleich noch komme.

Der spannendste Versuch läuft in deinem eigenen Kopf

So sehr ich Apfelscheiben und Salzwasser mag, der faszinierendste Versuch, den ich kenne, braucht weder Küche noch Material. Er läuft in deinem eigenen Kopf, und zwar nachts, wenn du schläfst. Ich rede vom Träumen.

Du verbringst jede Nacht ein bis zwei Stunden in lebhaften Träumen, ob du dich erinnerst oder nicht. Dein Gehirn baut dort komplette Welten, mit Bildern, Geräuschen, Gerüchen, ganzen Personen, die mit dir reden. Es ist die wildeste Maschine, die du besitzt, und die meisten Menschen sehen ihr nie bewusst bei der Arbeit zu. Das fand ich immer schade, denn hier wartet das grösste Selbstexperiment von allen.

Der Einstieg ist erstaunlich simpel und passt perfekt zu allem, was du oben gelesen hast. Leg dir Zettel und Stift neben das Bett und schreib jeden Morgen sofort auf, woran du dich aus deinen Träumen erinnerst. Das ist exakt dieselbe Methode wie beim Tagebuch der guten Momente, nur richtest du sie auf deine Nächte. Nach ein paar Tagen erinnerst du dich an deutlich mehr, weil dein Kopf merkt, dass dir diese Bilder wichtig sind. Du veränderst deine Aufmerksamkeit, genau wie bei den anderen Versuchen.

Und dann wird es richtig interessant. Es gibt einen Zustand, in dem du mitten im Traum merkst, dass du träumst. Dein Körper schläft tief, und trotzdem ist ein Teil von dir hellwach und denkt: Moment, das hier ist gar nicht echt, das ist mein Traum. In diesem Augenblick wirst du vom Zuschauer zum Experimentator in deiner eigenen Traumwelt. Du kannst Dinge ausprobieren, die im Wachleben unmöglich sind. Ich fange dann meistens an zu fliegen, weil mir das am meisten Spass macht, aber das ist nur der Anfang.

Das Verrückte ist, dass du diesen Zustand mit denselben Werkzeugen trainierst, die du oben kennengelernt hast. Du beobachtest dich selbst, du führst ein Tagebuch, du prüfst deine Wahrnehmung. Erinnerst du dich an den Nasentrick mit dem Apfel? Es gibt einen sehr ähnlichen Test, mit dem ich tagsüber prüfe, ob ich gerade wach bin oder träume. Ich halte mir die Nase zu und versuche zu atmen. Im Wachleben geht das natürlich nicht. Im Traum strömt die Luft trotzdem ein, und genau daran erkenne ich, dass ich schlafe. Aus einem schlichten Küchenexperiment wird so ein Schlüssel zu einer ganzen verborgenen Welt.

Wie du selbst zum Forscher deiner Nächte wirst

Wenn dich an diesem ganzen Text irgendetwas angefixt hat, dann ist es hoffentlich die Lust, selbst nachzuschauen statt nur zu lesen. Genau das ist der Kern jedes guten Selbstversuchs, ob in der Küche oder im Schlaf. Du musst niemandem glauben, du probierst es selbst aus.

Der Zustand, in dem du im Traum weisst, dass du träumst, hat einen Namen. Man nennt ihn luzides Träumen, oder auf Deutsch Klartraum. Es klingt erst einmal nach Science-Fiction. In Wahrheit ist es ein ganz normaler Schlafzustand. Die Forschung hat ihn gut beschrieben, und fast jeder Mensch kann ihn erlernen. Was dabei genau im Kopf passiert und warum das alles andere als Wundergerede ist, habe ich in Ruhe aufgeschrieben in was ist luzides Träumen.

Falls du Lust hast, diesen einen Versuch wirklich anzugehen, dann brauchst du keinen perfekten Plan. Du brauchst nur den ersten Schritt, und der ist der gleiche wie bei jedem Experiment hier: anfangen und beobachten. Wie dein allererster Klartraum in der Praxis aussehen kann, beschreibe ich Schritt für Schritt in dein erster Klartraum. Von allen Selbstversuchen, die ich kenne, ist dieser mit Abstand der lohnendste, weil das Labor deine eigene Nacht ist und der Eintritt gratis.