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Der Zustand zwischen wach und schlafend

Wissen12 Min. Lesezeit

Der Zustand zwischen wach und schlafend

Der Bereich zwischen wach und schlaf hat einen eigenen Namen und eigene Regeln. Ich erkläre dir die Hypnagogie, warum dort so seltsame Dinge passieren, und was sie nützt.

Letzte Woche lag ich abends im Bett, fast schon weg, als ich plötzlich noch einmal hochschreckte. In meinem Kopf hatte gerade jemand meinen Namen gesagt, ganz deutlich, mit einer Stimme, die ich nicht kannte. Ich war allein in der Wohnung. Niemand hatte etwas gesagt. Und trotzdem war es so klar, als hätte mir jemand direkt ins Ohr gesprochen. Ich blieb noch einen Moment liegen und musste grinsen, weil ich wusste, was da gerade passiert war. Ich war nämlich genau in diesem komischen Zwischenbereich, in dem der Kopf schon zu träumen anfängt, der Rest von mir aber noch glaubt, wach zu sein.

Was der Zustand zwischen wach und Schlaf eigentlich ist

Es gibt einen Moment jeden Abend, den fast niemand bewusst wahrnimmt. Du liegst im Bett, die Gedanken werden langsam wirr, und irgendwann bist du weg. Dazwischen liegt eine kurze Phase, die einen eigenen Namen hat. Fachleute nennen sie Hypnagogie. Das Wort klingt sperrig, beschreibt aber etwas ganz Alltägliches. Es ist der Übergang vom Wachsein in den Schlaf, jene paar Minuten, in denen dein Gehirn weder das eine noch das andere richtig tut.

Die meisten Menschen rauschen da einfach durch. Man ist müde, man döst weg, und am nächsten Morgen erinnert man sich an nichts davon. Genau das ist das Spannende. Dieser Zustand zwischen wach und Schlaf ist nicht einfach eine Lücke, in der nichts passiert. Im Gegenteil, in deinem Kopf ist in diesen Minuten ziemlich viel los. Du bekommst es nur selten mit, weil du auf dem direkten Weg ins Vergessen bist.

Ich finde diesen Zustand seit Jahren faszinierend, weil er so leicht zu übersehen ist und gleichzeitig so reich. Sobald du anfängst, ihm ein bisschen Aufmerksamkeit zu schenken, merkst du, dass dort eine eigene kleine Welt wartet. Bilder, Geräusche, seltsame Gedanken, die plötzlich keinen Sinn mehr ergeben. Das alles gehört zum normalen Einschlafen dazu. Es ist kein Zeichen, dass mit dir etwas nicht stimmt.

Übrigens gibt es das Ganze auch in umgekehrter Richtung. Wenn du morgens langsam aufwachst und noch nicht ganz da bist, durchläufst du eine ähnliche Zwischenphase. Die heisst dann Hypnopompie. Für den Alltag kannst du dir das aber sparen. Wichtig ist nur der Gedanke, dass es zwischen wach und Schlaf eine echte Schwelle gibt, und dass auf dieser Schwelle eigene Regeln gelten.

Die seltsamen Dinge, die dort passieren

Wenn du in diese Phase hineinhorchst, wirst du auf ein paar Erscheinungen stossen, die alle Menschen teilen. Sie haben sogar Namen, und sobald du sie kennst, erkennst du sie sofort wieder. Ich gehe die wichtigsten der Reihe nach durch, weil sie genau das ausmachen, was diesen Zustand so eigen macht.

Das wohl bekannteste Phänomen ist der Ruck beim Einschlafen. Du bist fast weg, und auf einmal zuckt dein ganzer Körper, als wärst du gestolpert oder gefallen. Manchmal siehst du dazu sogar kurz ein Bild von einer Treppe oder einem Abgrund. Das nennt sich Einschlafzucken, und es ist völlig harmlos. Niemand weiss ganz genau, warum es passiert. Eine verbreitete Vermutung ist, dass dein Gehirn beim Übergang in den Schlaf kurz die Kontrolle über die Muskeln neu aushandelt und dabei ein falsches Signal losschickt. Wie auch immer, es gehört einfach dazu.

Dann sind da die Bilder. Wenn du die Augen schliesst und müde genug bist, fängt es hinter deinen Lidern manchmal an zu wabern. Erst nur Farben und Muster, dann werden daraus Gesichter, Landschaften, ganze Szenen. Diese inneren Bilder kommen ungefragt und ziehen einfach vorbei. Du hast sie dir nicht ausgedacht, sie tauchen von selbst auf. Genau das unterscheidet sie vom bewussten Vorstellen am Tag. Du sitzt nicht am Steuer, du schaust zu.

Bei mir sind diese Bilder oft erstaunlich detailliert. Manchmal sehe ich Gesichter von Menschen, die ich nicht kenne, ganz klar und nah, als würden sie mich anschauen. Manchmal sind es Räume, durch die ich gleite, oder seltsame Gegenstände, die langsam ihre Form verändern. Das Verrückte daran ist, dass mein wacher Kopf das alles beobachten kann, solange ich nicht ganz wegdämmere.

Geräusche und Stimmen aus dem Nichts

Neben den Bildern gibt es die Geräusche, und die haben es in sich. Genau da war ich neulich, als mein Name gerufen wurde. Viele Menschen hören in dieser Phase plötzlich ein lautes Knallen, ein Klingeln, ein Rauschen oder eben Stimmen, die etwas sagen. Es gibt sogar einen kuriosen Fall davon, bei dem Leute ein so lautes Knallen im Kopf hören, dass sie hochschrecken. Das wird tatsächlich Kopfexplosionssyndrom genannt, was viel dramatischer klingt, als es ist. Es tut nicht weh und richtet keinen Schaden an.

Mich hat dieses Stimmenphänomen lange beschäftigt, weil es sich so echt anfühlt. Du würdest schwören, dass wirklich jemand gesprochen hat. Dabei baut dein Gehirn das Geräusch selbst, aus demselben Material, aus dem gleich darauf deine Träume entstehen. Es ist sozusagen ein erster Probelauf der Traumwerkstatt, noch bevor der eigentliche Traum losgeht.

Auch ein eigenartiges Schweben oder Fallen gehört dazu. Manche Menschen spüren, wie ihr Körper kippt, sinkt oder sich dreht, obwohl sie ganz ruhig im Bett liegen. Andere fühlen sich auf einmal grösser oder kleiner, oder die eigenen Hände kommen ihnen riesig vor. Das alles sind Spielarten desselben Übergangs. Dein Körpergefühl löst sich langsam von der Wirklichkeit, weil dein Gehirn gerade dabei ist, von der Aussenwelt auf die Innenwelt umzuschalten.

Warum dein Gehirn da so durcheinanderkommt

Damit das alles weniger mysteriös wirkt, lohnt sich ein Blick darauf, was im Kopf eigentlich vorgeht. Beim Einschlafen schaltet dein Gehirn nicht auf einen Schlag ab. Es fährt eher stückweise herunter, und die einzelnen Teile machen das nicht im selben Tempo. Manche Bereiche schlafen schon, während andere noch wach sind. Genau aus dieser Unwucht entsteht das ganze seltsame Erleben.

Der Teil von dir, der für nüchternes, logisches Denken zuständig ist, gehört zu den Ersten, die abschalten. Deshalb merkst du in dieser Phase oft gar nicht, wie absurd deine Gedanken werden. Du denkst halb im Schlaf, dass du noch schnell die Wäsche aus dem Ofen holen musst, und es kommt dir völlig normal vor. Erst wenn du kurz aufschreckst, fällt dir auf, was für ein Quatsch das war. Diese zerfasernden Gedanken sind ein verlässliches Zeichen, dass du mitten im Übergang steckst.

Gleichzeitig werden die Bereiche, die Bilder und Geräusche erzeugen, immer aktiver. Sie bekommen tagsüber von deinen Augen und Ohren laufend echte Sinneseindrücke geliefert. Sobald diese Zufuhr von aussen versiegt, weil du die Augen schliesst und es still wird, fangen sie an, eigenes Material zu produzieren. Die Bilder und Stimmen, die du wahrnimmst, sind dieses selbstgemachte Material. Dein Kopf füllt die Stille mit seinen eigenen Eindrücken.

So gesehen ist die Hypnagogie eine Art Vorhof zum Traum. Die gleiche Maschinerie, die nachts ganze Traumwelten baut, läuft hier schon im Leerlauf. Sie hat nur noch nicht den vollen Schwung. Deshalb sind die Bilder oft bruchstückhaft und die Geräusche kurz. Es ist der Moment, in dem das Träumen anfängt, bevor du tief genug schläfst, um wirklich darin zu verschwinden.

Was dieser Zustand im Alltag mit dir macht

Jetzt könnte man meinen, das sei alles nur Kopfkino ohne Nutzen. Das stimmt aber nicht. Dieser Zwischenbereich hat eine erstaunlich praktische Seite, und einige bekannte Leute haben das ganz bewusst ausgenutzt.

Eine beliebte Geschichte handelt von Erfindern und Künstlern, die in dieser Phase auf ihre besten Ideen kamen. Der Trick, den manche von ihnen angeblich nutzten, klingt fast zu einfach. Sie setzten sich mit einem Gegenstand in der Hand in einen Sessel und liessen sich wegdämmern. Sobald sie wirklich einschliefen, entglitt der Gegenstand der Hand, fiel zu Boden und der Lärm weckte sie auf. So fingen sie genau den Moment ab, in dem der Kopf am freiesten assoziiert, ohne ganz wegzukippen. Ob jede dieser Geschichten stimmt, weiss ich nicht, aber der Kern dahinter leuchtet mir ein.

Denn im Halbschlaf denkt dein Gehirn anders. Die übliche innere Kontrolle ist gelockert, und Gedanken verbinden sich auf Wegen, die dir am hellen Tag nie einfallen würden. Genau deshalb hat man manchmal kurz vor dem Einschlafen plötzlich die Lösung für ein Problem im Kopf, an dem man sich stundenlang die Zähne ausgebissen hat. Der wache Verstand steht sich oft selbst im Weg. Im Zwischenzustand fällt diese Bremse weg.

Es gibt aber auch eine unangenehmere Seite, und die will ich nicht verschweigen. Manche Menschen erleben in dieser Phase so lebhafte Eindrücke, dass sie davon aufschrecken und schlecht wieder hineinfinden. Wer ohnehin schlecht schläft, kann von den Bildern und Geräuschen verunsichert sein. Mein wichtigster Punkt dazu ist deshalb dieser. Das alles ist normal und harmlos. Sobald du weisst, was da passiert, verliert es seinen Schrecken, und du kannst sogar anfangen, dich darüber zu freuen.

Wenn der Körper schläft, der Kopf aber wach bleibt

Eng verwandt mit dem Einschlafmoment ist ein Erlebnis, das deutlich mehr Menschen Angst macht. Es heisst Schlaflähmung. Dabei wachst du auf oder bist kurz vor dem Einschlafen, dein Geist ist klar, aber dein Körper gehorcht keinen Millimeter. Du willst den Arm heben und es geht einfach nicht. Für viele ist das im ersten Moment der blanke Horror.

Dahinter steckt etwas völlig Normales. Während du träumst, schaltet dein Körper die Muskeln ab, damit du deine Träume nicht in echt ausagierst. Sonst würdest du nachts durch die Wohnung rennen, und das wäre keine gute Idee. Manchmal ist dein Kopf schon wieder wach, während diese Lähmung noch anhält. Genau dann sitzt du in der Falle zwischen den Zuständen. Es geht von selbst vorbei, immer, meist nach ein paar Sekunden bis wenigen Minuten.

Das Unheimliche daran kommt oft gar nicht von der Lähmung selbst. Es kommt von dem, was dein Kopf dazu erfindet. Weil du halb im Traumland bist, mischt sich genau dieses hypnagogische Material wieder ein. Du hörst Schritte, spürst ein Gewicht auf der Brust, siehst vielleicht eine dunkle Gestalt am Bettrand. All die gruseligen Geschichten von Dämonen, die sich auf einen setzen, gehen darauf zurück. In Wahrheit ist es dein verängstigter Kopf, der die Lücken mit Furchterregendem füllt. Wenn du das einmal verstanden hast, nimmst du der Sache viel von ihrer Macht.

Die Schwelle, auf der ein Klartraum beginnt

Und genau hier wird dieser ganze Zwischenbereich richtig interessant. Denn die meisten Menschen rauschen durch ihn hindurch und merken nichts. Es gibt aber einen ganz anderen Umgang damit. Man kann nämlich versuchen, genau in diesem Moment wach im Kopf zu bleiben, während der Körper einschläft. Und wenn das gelingt, dann landest du nicht im üblichen Traum. Du landest in einem, in dem du weisst, dass du träumst.

Dieses bewusste Wissen mitten im Traum nennt man luzides Träumen oder Klartraum. Du liegst im Bett, dein Körper schläft tief, und trotzdem ist ein Teil von dir hellwach und denkt: Das hier ist ein Traum. Von diesem Punkt aus kannst du anfangen mitzubestimmen, was passiert. Was genau das bedeutet und was dabei alles möglich wird, habe ich in was ist luzides Träumen ausführlich beschrieben. Für hier reicht der Gedanke, dass die Tür dorthin genau auf dieser Schwelle steht, die wir gerade die ganze Zeit beschrieben haben.

Die hypnagogischen Bilder, die ich vorhin erwähnt habe, sind dabei der eigentliche Schlüssel. Wenn vor deinen geschlossenen Augen eine Szene entsteht und du bewusst genug bleibst, kannst du in diese Szene hineingehen, statt nur zuzuschauen. In dem Moment bist du drin und du bist klar. Bei mir funktioniert ein bestimmter Kniff am besten. Ich stelle mir den Raum vor, in dem ich gerade liege, steige dann mit meinem Traumkörper aus dem Bett, ohne einen echten Muskel zu bewegen, und schon stehe ich im Traum. Das Geräusch, das beim Einschlafen aufsteigt, ist für mich übrigens ein gutes Zeichen, dass es gleich so weit ist.

Diese Art, direkt aus dem Wachzustand in den Klartraum zu gleiten, hat sogar einen festen Namen. Sie heisst WILD, und wie sie genau funktioniert, gehe ich Schritt für Schritt in die WILD-Technik durch. Ich will dir hier nichts vormachen, das ist nicht der einfachste Einstieg, und bei mir hat es Jahre gedauert, bis es zuverlässig klappte. Aber es zeigt schön, dass die Schwelle zwischen wach und Schlaf kein totes Niemandsland ist. Sie ist ein Tor, und manche Menschen gehen bewusst hindurch.

Eine Sache will ich gleich klarstellen, weil sie oft durcheinandergebracht wird. Dieses Hineingleiten in den Traum hat nichts Übersinnliches an sich. Es ist kein Verlassen des Körpers, auch wenn es sich manchmal genau so anfühlt. Wer schon mal von Astralreisen gehört hat, dem kommt das hier vielleicht bekannt vor, und das ist kein Zufall. Warum ich glaube, dass dahinter derselbe Vorgang im Gehirn steckt, nur anders erzählt, habe ich in Astralreise gegen luzides Träumen aufgeschrieben.

Wie du selbst einen Blick in diese Welt wirfst

Du musst kein Klarträumer werden, um etwas von diesem Zustand zu haben. Schon das blosse Wahrnehmen ist ein kleines Abenteuer für sich. Wenn du heute Abend im Bett liegst, versuch einfach, ein bisschen länger wach zu bleiben als sonst, während du wegdämmerst. Nicht angestrengt, nur neugierig. Schau, ob hinter deinen Lidern Bilder auftauchen. Horch, ob du Geräusche hörst, die niemand gemacht hat.

Du wirst merken, dass das ein Balanceakt ist. Beobachtest du zu aufgeregt, schreckst du dich selbst wach. Lässt du dich zu sehr treiben, bist du weg und verpasst alles. Genau in der Mitte liegt der süsse Punkt, in dem du noch wach genug bist, um zu schauen, aber schon entspannt genug, dass die Bilder kommen. Diesen Punkt zu finden, ist Übungssache, und es macht erstaunlich viel Spass, ihm nachzuspüren.

Sei nicht enttäuscht, wenn am Anfang nicht viel passiert. Manche Nächte sind ergiebig, andere nicht, und das ist völlig normal. Allein die Tatsache, dass du diesem Moment überhaupt Aufmerksamkeit schenkst, verändert schon, wie du das Einschlafen erlebst. Aus einem reinen Wegkippen wird eine kleine bewusste Reise an den Rand des Schlafs.

Wie es jetzt weitergeht

Damit hast du einen Bereich kennengelernt, den fast alle Menschen jede Nacht durchqueren und kaum jemand bewusst wahrnimmt. Der Zustand zwischen wach und Schlaf hat einen Namen, eigene Erscheinungen und eine ganz eigene Logik. Die Bilder, die Stimmen, das Zucken und das seltsame Schweben sind keine Störung. Sie sind das Vorprogramm deines nächtlichen Kinos.

Wenn dich besonders der letzte Teil gepackt hat, also die Idee, auf dieser Schwelle wach zu bleiben und bewusst in den Traum zu gehen, dann fängst du am besten ganz vorne an. Ich würde dir empfehlen, mit was ist luzides Träumen zu starten, weil dort alles zusammenläuft, was du für den Einstieg brauchst. Von dort führt der Weg ganz von allein weiter zu den Techniken. Mit ihnen durchquerst du diese Schwelle nicht mehr nur. Du benutzt sie bewusst als Tür.